44 Scotland Street – Alexander McCall Smith

Ich muss jetzt mal schwärmen…

scotlandstreetVon Alexander McCall Smith habe ich schon mehrere Bücher gelesen, u.a. den ersten Band seiner No. 1 Ladies’ Detective Agency Serie, featuring Mma Ramotswe (eine in Afrika spielende Krimireihe) und die Fortsetzungsromane der Reihe Corduroy Mansions, die er für die britische Zeitung The Telegraph geschrieben hat und ich liebe sie alle. Nun ist in meinem Bücherregal eine weitere Serie hinzugekommen, nämlich 44 Scotland Street. Eine Freundin, der ich das Buch letztens geliehen habe, als sie auf der Suche nach Urlaubslektüre war, meinte, joah – wäre ganz nett, aber nicht der literarische große Wurf. Ich kann mir schon denken, was sie meint, aber ich kann dem trotzdem nur bedingt zustimmen. Ich finde die Bücher von Alexander McCall Smith haben eine ganz eigene, besondere Qualität und das ist die liebenswerte Weise, in der der Autor seinen Blick auf seine Figuren richtet. Selbst seine „most insufferable characters“ – ich sag nur Oedipus Snark in Corduroy Mansions mit seinem „See!“ – betrachtet er mit liebevoller Nachsicht und einem zwinkernden Auge und das hat, zumindest bei mir, den Effekt, dass ich vielleicht noch mehr als das Werk an sich, den Autor dieser Texte liebe.

Sein erster Fortsetzungsroman Corduroy Mansions entstand durch einen Schreibauftrag des Telegraph, die von ihm täglich einen Erzählabschnitt wollten. Herausgekommen ist dabei ein Audiobook Projekt mit dem Sprecher Andrew Sachs, das seinerzeit per Podcast abrufbar war – ich sag nur genial! Die Stimme von Sachs, die Art, wie er liest passt einfach hundertprozentig. Inhaltlich geht es in den Episoden von Corduroy Mansions um das alltägliche Leben verschiedener Personen, das teils mit dem anderer Charaktere verknüpft ist oder im Laufe des Romans miteinander verknüpft wird. Mittlerweile gibt es dazu zwei Fortsetzungen, nämlich The Dog Who Came in from the Cold und A Conspiracy of Friends.

Auch 44 Scotland Street ist ein Fortsetzungsroman, der zunächst in täglichen Episoden in der Zeitung The Scotsman veröffentlicht wurde. Eine ähnliche Geschichte wie Corduroy Mansions ist es insofern, als dass es auch um verschiedene Personen und deren tägliches Leben geht, allerdings ist die Handlung im schottischen Edingburgh angesiedelt und das Personal ist ein gänzlich anderes. Einer der Charaktere ist der fünfjährige Bertie, der von seiner verbissenen Mutter Irene völlig überfordert wird, da sie der Überzeugung verfallen ist, dass ihr Sohn a) hochbegabt ist und b) dementsprechend eine frühzeitige umfassende Förderung benötigt. Mit a) hat sie sicherlich recht, denn wie Bertie es sonst schaffen würde, neben dem aufgezwungenen Saxophonunterricht, dem Italienisch lernen und dem bereits angedachten Yoga- und Meditationskurs seine Mutter NICHT umzubringen, ist mir unbegreiflich. Das ständige Antreiben zu Höchstleistungen führt schließlich dazu, dass Bertie aus lauter Verzweiflung verhaltensauffällig wird, was jedoch wiederum von seiner ignoranten Mutter fehlgedeutet wird, nämlich dass er für seine Hochbegabung noch zu wenig gefordert sei. Also ich muss mal eines loswerden – dass ich irgendwann einmal den kaum unterdrückbaren Impuls verspüren würde, eine literarische Figur zu vermöbeln, das hätte mir vorher auch keiner sagen brauchen. Ich hätte diese fürchterliche Frau am liebsten durch den Hals von Berties Saxophon gezogen oder sie solange mit italienischen Vokabeln dauerbeschallt, bis sie freiwillig zu Minestrone wird.

In 44 Scotland Street habe ich aber auch eine ganz besondere Lieblingsstelle. Matthew Duncan ist Besitzer einer kleinen, schlecht laufenden Galerie und ein wenig planlos, was seine berufliche Ausrichtung und Zukunft angeht. Dies kann er aber auch relativ ungehindert sein, da er einen gutsituierten, geschäftlich äußerst erfolgreichen Vater hat, der ihn herumexperimentieren lässt, wenn ihm das auch nicht immer gefällt. In der Stelle, die ich meine, wird einmal aus der Sicht des Vaters und einmal aus der Sicht von Matthew der jeweils andere charakterisiert und obwohl beide völlig andere Lebensauffassungen besitzen, kommt dennoch zum Ausdruck, dass zwischen ihnen ein unverbrüchliches und liebendes Vater-Sohn-Verhältnis besteht.

But he’s my son, thought Matthew’s father. He may not be good for very much, but he’s honest, he treats his parents with consideration, and he’s my own flesh and blood. And it could be much worse: there were sons who caused their fathers much greater pain than that. He’s a failure, he thought; but he’s a good failure and he’s my failure.
And for Matthew’s part, he knew that he was no businessman. He would have liked to have succeeded in the ventures, that his father had planned for him, because he liked his father. My father may have the soul of a Rotarian, thought Matthew, but he’s my Rotarian, and that’s what counts.

44 Scotland Street, p.15

Da musste ich beim Lesen in der Tat ein bisschen weinen … vor allem wenn ich bedenke, wieviele Vater-Sohn-Beziehungen es wohl gibt, in denen gerade solche Charakterunterschiede oder Differenzen in der Planung von Lebensentwürfen zu den schlimmsten Zerwürfnissen, beiderseitigen Enttäuschungen und tiefen Verletzungen führen.

Ich habe das Buch sehr gern gelesen und zwar genauso, wie es seinerzeit erschienen ist, nämlich ein Kapital pro Tag, und habe mir oft gewünscht, noch eines oder mehrere zusätzlich am Tag dranzuhängen. Das ist für mich ein gutes Indiz dafür, dass der Roman, so wie er geplant wurde, funktioniert, oder?

Ein kleines Schmankerl hab ich noch zum Abschluss: Ich weiß nicht, wie lange es auf der Seite des Telegraph noch abrufbar sein wird, aber bis dato zumindest kann man die Episoden des letzten Bandes von Corduroy MansionsA Conspiracy of Friendsdort noch nachlesen und sogar als Audiobook anhören. Sollte das irgendwann nicht mehr möglich sein, wäre ich für einen Hinweiskommentar dankbar.

Alexander McCall Smith britisches Online-Zuhause ist hier zu finden.

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Alexander McCall Smith

44 Scotland Street. Abacus, 2005.

Corduroy Mansions. Abacus, 2010.

The Dog Who Came in from the Cold. Abacus, 2011.

A Conspiracy of Friends. Abacus, 2012.

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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