Enchanter’s Glass – Susan Whitcher

Hier auf reading buddy war es in der letzten Zeit verdächtig ruhig. Die Stille unterbrechen möchte ich heute mit dem Bericht über einen mysteriösen Roman namens Enchanter’s Glass der Autorin Susan Whitcher. Mysteriös ist dieser nicht etwa aufgrund seines Genres, sondern mysteriös ist die Tatsache, dass sich weder über die Autorin sehr viel in Erfahrung bringen lässt, noch über das Buch selbst. Enchanters Glass

Inhaltlich handelt es sich bei Enchanter’s Glass um eine Abenteuergeschichte. Die jugendliche Heldin Phoebe van der Clute (für mich einer der coolsten Protagonistennamen seit Langem! Der Name ‚Phoebe‘ erinnert mich immer an die Schwester von Holden Caulfield aus The Catcher in the Rye) muss im Verlauf der Geschichte genregemäß bestimmte Aufgaben bestehen, um letztlich ihr Ziel zu erreichen und über „das Böse“ zu siegen.

Alles beginnt damit, dass Phoebe blau macht und statt zur Schule zum nahegelegenen Fluss geht, um dort die Zeit bis nach Schulschluss zu verbringen. Versehentlich stürzt sie dabei ins Wasser und findet beim Wiederauftauchen ein kleines Glasstück. Als sie hindurchsieht, bemerkt sie, dass sich ihre Welt verändert hat und nichts in ihr mehr so ist wie zuvor. So ist zum Beispiel der etwas zurückgeblieben wirkende Nachbarsjunge Tamás in dieser Welt ein Faun, ein Wesen, das zur Hälfte Ziege und zur anderen Hälfte Mensch ist.

Tamás shrugged. He had a trick of turning his face away and then looking back at her out of the tail of his eye. He really was like a wild animal at times.

Enchanter’s Glass, 45

Phoebe und Tamás entdecken, dass der harmlos wirkende, örtliche Antiquitätenhändler Mr Barnes hier der böse Magier Archimago ist und dass es sich bei den Figuren in dessen hübschen Glaskugeln in Wirklichkeit um wahre Personen handelt, die Archimago dort eingeschlossen hat und gefangen hält. Schlimmer noch, es sind Menschen, die den Beiden durchaus bekannt sind. Phoebes Vater zum Beispiel, was endlich dessen ständige geistige Abwesenheit erklärt, und ihre Schulkameradin Staci, die sich in der letzten Zeit so sehr verändert hat. Gemeinsam mit Tamás beschließt Phoebe, sie alle aus dem Glas zu befreien. Doch Archimago macht es ihnen damit nicht gerade leicht. Hinzu kommt, dass Tamás auf die Hilfe des Ritters Sir Paravent, der Phoebe ganz unverblümt den Hof macht, durchaus pfeifen könnte und sich immer wieder mit ihm in die Haare gerät.

Enchanter’s Glass ist eine nette Fantasygeschichte, die für mich eine Mischung aus Licht und Schatten ist. Zu Beginn fand ich die Geschichte ziemlich sperrig, deswegen hat es auch eine ganze Weile gedauert, bis ich in der Erzählung angekommen war. Auch der weitere Handlungsverlauf war hier und da ein bisschen wirr, so dass ich mich einige Male gefragt habe, wo genau in der Geschichte ich eigentlich gerade bin.

Geschrieben wurde Enchanter’s Glass denke ich eher für jugendliche Leser, wobei bestimmt auch junge Erwachsene an dem Buch Gefallen finden können. Ich habe bei Enchanter’s Glass den Eindruck gewonnen, es könne das Erstlingswerk einer jungen Autorin mit viel Talent und Ideen zu außergewöhnlichen Geschichten sein, die sich aber noch ausprobiert und ihre Fähigkeiten noch nicht voll ausgebildet und geschliffen hat. Das Timing im Roman war nicht immer optimal und der Ablauf der Handlung wirkte an einigen Stellen noch etwas holprig.

Was die beiden Hauptfiguren des Romans betrifft, habe ich ganz und gar nichts auszusetzen. Mit Phoebe hat die Autorin eine Heldin geschaffen, die mir richtig sympathisch war, alleine schon deswegen weil sie so schön trocken ironisch ist. Als typischer Teenager kann sie zeitweilen ganz schön brüsk und bockig sein, dann aber auch wieder voller Selbstzweifel. Tamás finde ich als Charakter ebenfalls gelungen. An der Oberfläche wirkt er wie ein Nerd der Güteklasse A, auf den die Redensart „stille Wasser sind tief“ wie auf keinen zweiten zutrifft. Phoebe braucht deswegen auch eine ganze Weile, um zu erkennen, was wirklich in Tamás steckt und sich von den Vorurteilen zu lösen, die sie wie die meisten ihrer Klassenkameraden ihm gegenüber hegt. Der Grund für diese Vorurteile ist lediglich eine Sprachbarriere, da Tamás aus Ungarn kommt und noch nicht sehr lange in Amerika ist. Durch die sprachliche Unsicherheit wirkt er unbeholfen auf Andere, was ihm von seinen Mitschülern als Einfältigkeit und Beschränktheit ausgelegt wird.

Was mir auch sehr gut gefallen hat, sind die Referenzen auf Edmund Spenser’s episches Gedicht The Faerie Queene. Zitate daraus finden sich am Anfang jedes Kapitels und auch inhaltlich nimmt Enchanter’s Glass den Stoff des Gedichts auf.

Alles in allem ist Enchanter’s Glass ein ganz nettes Buch für Jugendliche mit einer eigentlich interessanten Story, die jedoch durch die Hakler in der Ausführung manchmal etwas an Fahrt verliert. Der Roman greift Themen auf, die Teenager in diesem Alter oft beschäftigen: Schule, Freunde, veränderte Beziehungen und die eigene Entwicklung. Ich finde nur, dass die Autorin bei Vielem zu sehr an der Oberfläche bleibt und nicht genügend in die Tiefe geht. Da hätte ich mir facettenreichere Auseinandersetzung mit den Themen gewünscht.

Zum Schluss komme ich noch mal auf den „Mystery“-Faktor des Buches zu sprechen. Ich fand es irgendwie seltsam, dass der Roman auf der Webseite seines Verlags (ursprünglich Harcourt Brace & Company, die heute Houghton Mifflin Harcourt sind) nicht einmal aufgeführt wird. Recherchiert man dort, hat es den Anschein, als habe es das Buch niemals im Verlagsprogramm gegeben. Wenn ich die Autorin Susan Whitcher in eine Suchmaschine eingebe, erhalte ich zwar noch einige weitere Buchtitel von ihr (vorwiegend Kinderbücher), aber Näheres zu Enchanter’s Glass findet man kaum im Netz. Wenn jemand etwas über das Buch weiß oder schon einen anderen Roman der Autorin gelesen hat – ich bin für jede Info dankbar. Vor allem würde mich interessieren, ob es euch ähnlich ergangen ist mit dem teils wirren Schreibstil oder ob ihr andere Erfahrungen gemacht habt.

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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