Tadellöseres Tagebuch: Sirius – Walter Kempowski

„Ich kann immer gar nicht begreifen, daß es Menschen gibt, die anderer Meinung sind, als ich es bin.“

Komisch, geht mir genauso! ^^

Walter Kempowski, der im Oktober 2007 verstorbene Autor (dazu später noch mehr) von dem dieser Journaleintrag stammt, hat sich vor allem durch seine Bücher Tadellöser und Wolff  (verfilmt mit Karl Lieffen) oder Uns geht’s ja noch gold einen Namen gemacht. Der im April 1929 in Rostock geborene Schriftsteller hat am Geschehen des Zweiten Weltkriegs nur noch kurz aktiv teilgenommen, als er als Fünfzehnjähriger den Posten eines Luftwaffenkuriers übernehmen musste. Nach dem Krieg, im Jahr 1948, wurde er von einem sowjetischen Militärtribunal wegen angeblicher Spionage verurteilt und sollte daraufhin eine ursprünglich auf fünfundzwanzig Jahre festgesetzte Haftstrafe im Zuchthaus Bautzen absitzen, aus der er zum Glück acht Jahre später 1956 vorzeitig entlassen wurde.

Berühmt geworden ist Walter Kempowski als DER Chronist Deutschlands. Sein Echolot beispielsweise ist eine umfangreiche Sammlung zeithistorischer Dokumente, Tagebücher, Briefe und Fotos aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die er in akribischer Detailarbeit collagenartig zusammengestellt hat.

Von Beruf Pädagoge hat Kempowski neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch an Schulen referiert, wo er sich dem oft unbequemen Gespräch mit den Schülern gestellt hat. In seinem Haus Kreienhoop in Nartum hat er darüber hinaus gut besuchte Literaturseminare abgehalten, die auch über seinen Tod hinaus andauern und von der Kempowski Stiftung veranstaltet werden.

Sirius (Untertitel: Eine Art Tagebuch) ist sein erstes veröffentlichtes Journal aus dem Jahr 1983. Mit den dort enthaltenen Einträgen zeichnet er sein damaliges Leben in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts nach. Ein abwechslungsreiches und von vielen Projekten, buchbezogenen und persönlichen, gekennzeichnetes Leben.

Ungeheuer sympathisch wirkt es, dass sich Walter Kempowski in seinem Tagebuch keineswegs davor scheut, sich auch selbst einmal gehörig auf die Schippe zu nehmen. „Kempowski gilt als schwierig!“ zitiert er als wiederkehrenden running gag den Kommentar eines Verlegers über ihn. Markenzeichen seiner Journaleinträge sind die Notizen zu Fernsehen, Literatur und genaue Aufzeichnungen zu seinen Träumen, die er oft detailreich erinnerte. In Sirius kommt Kempowskis großes Talent zum Ausdruck, Bemerkungen anderer, oft ganze Unterhaltungen wiederzugeben und diese entsprechend zu kommentieren, manchmal auch bissig. Ein bisschen eitel war er bestimmt, witzig, schlagfertig und nachdenklich. Dann wieder schüchtern und unsicher.

Und jetzt komme ich noch einmal auf das dazu später mehr zurück:
Als Walter Kempowski 2007 starb, hatte ich, wie wahrscheinlich viele andere auch, das traurige Gefühl, einen der zeitgenössischen Schriftsteller unseres Landes verloren zu haben. War doch da jemand gestorben, der für uns alle und an unserer statt die kollektive Erinnerung bewahrt hat, indem er Unmengen an Gedächtnismaterial zusammengetragen hat. Dementsprechend erwartete ich, wie wahrscheinlich ebenfalls viele andere auch, einen angemessenen, würdigenden literarischen Nachruf, den ein solcher Autor wohl verdient gehabt hätte. Aber was soll ich sagen? „This took a somewhat ugly turn“. Anstelle eines solchen Nachrufes wurde in der hiesigen Tageszeitung eine fast schon geistige Enthauptung abgedruckt. Offensichtlich hatte die verantwortliche Journalistin noch eine ganz persönliche Rechnung mit dem verstorbenen Autor offen.

Jetzt frage ich mich, wozu eigentlich ein Nachruf da ist? Doch um denjenigen, der gestorben ist, in Erinnerung zu behalten, sein Lebenswerk noch einmal zu würdigen und wenn man denn nun überhaupt nichts Positives über jemanden zu finden in der Lage ist, was in diesem Fall ja nun wirklich nicht möglich sein kann, IRGENDETWAS Nettes zu sagen. Mein Mann war seinerzeit so wütend über diese verbale Entgleisung im Rahmen eines Nachrufes, dass er mit einem Leserbrief reagiert hat, und mit ihm noch einige andere Leser, die sich im gleichen Tenor darüber empörten. Danach ist der Name der Journalistin in dieser Zeitung dann wohl auch nicht mehr aufgetaucht. Offenbar war das auch den verantwortlichen Chefredakteuren ein bisschen zu viel des Guten. Wer weiß auch, was sie sonst noch rausgehauen hätte…?!

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Sirius. Eine Art Tagebuch von Walter Kempowski (btb, 2005)

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