Märchenhaft: Die Stadt der Träumenden Bücher – Walter Moers

Stadt der Träumenden BücherAls der Dichtpate des jungen Lindwurms Hildegunst von Mythenmetz stirbt, hinterlässt er seinem Patenkind neben seinem überschaubaren Hab und Gut auch seine Bibliothek auf der Lindwurmfeste in Zamonien sowie ein Manuskript samt Brief eines anonymen Verfassers.

Ähhh, einen Augenblick mal:

  1. Was ist ein Dichtpate?
  2. Wer ist Hildegunst von Mythenmetz?
  3. Was sind Lindwürmer?
  4. Was hat es mit der Lindwurmfeste in Zamonien auf sich?

Gut, mal sehen. Hildegunst von Mythenmetz ist ein Lindwurm. Lindwürmer sind echsen- oder krokodilähnliche Wesen, die aufrecht gehen können. Darüber hinaus sind sie auch nicht so furchtbar bissig, wie Krokodile es schon mal sein können. Hildegunst kommt von der Lindwurmfeste, von der in Zamonien die meisten berühmten Schriftsteller stammen. Jedem Lindwurm wird in seiner Kindheit ein Dichtpate zugewiesen, der ihn alles, was er für sein späteres Schreiben benötigt, lehren soll. Hildegunsts Dichtpate ist der berühmte Danzelot von Silbendrechsler, der vor allem für seine Werke über die Gartenpflege berühmt wurde, besonders aber für seine Abhandlung über die Aufzucht von Blumenkohl.

Die literarische Qualität des ihm hinterlassenen Manuskripts, einer höchst eloquenten Auseinandersetzung mit dem Thema der Schreibhemmung, haut Hildegunst dermaßen vom Hocker, dass er sich unverzüglich auf die Suche nach dem Verfasser des Textes macht. Seine Reise führt ihn in die legendäre Stadt Buchhaim, in der sich, wie der Name schon vermuten lässt, alles nur um Bücher dreht.
Kleiner Exkurs: Mann, würde ich da gerne einmal ausgesetzt werden – Buchhaim muss ein Paradies für jeden Bücherjunkie sein!
Wohin das Auge blickt gibt es Buchhandlungen und Antiquariate und abends finden überall Dichterlesungen statt. Straßendichter verfassen aus dem Stehgreif personalisierte Gedichte und überall wird den ganzen Tag gelesen, gelesen gelesen. Welcome to paradise!

In Buchhaim macht Hildegunst von Mythenmetz unter anderem die Bekanntschaft mit köstlichen aber nicht ganz ungefährlichen Bienenbroten, mit dem absolut nichts von Büchern verstehenden Verleger Claudio Harfenstock und mit dem Antiquar Phistomefel Smeik, einer Haifischmade, die ihn geradewegs in ein gefährliches Abenteuer in den unterirdischen Gängen von Buchhaim führt. Dort lernt er auch die liebenswerten Buchlinge kennen, deren einziger Lebensinhalt darin besteht, das Werk desjenigen Autors auswendig zu lernen, den sie verkörpern. Ich habe mir einmal überlegt, welcher Autor ich denn gerne sein würde, wenn ich ein Buchling wäre und bin zu dem Entschluss gekommen, dass dafür kein anderer Schriftsteller in Frage kommt als J. D. Salinger. Franny and Zooey auswendig zu können – das wäre schon was!

Ob Hildegunst am Ende den sagenhaft talentierten Autor findet, erfährt man nur, wenn man Die Stadt der Träumenden Bücher liest, was ich jedem nur uneingeschränkt empfehlen kann. Obwohl das Buch 456 Seiten hat und damit nicht gerade ein schmales Bändchen ist, liest es sich in einem Rutsch, wenn man das möchte. Nachdem man einmal begonnen hat, legt man dieses Fest der Fantasyliteratur nur noch sehr ungern aus der Hand. Erzwungene Unterbrechungen wie „eigentlich müsste ich jetzt aber mal etwas essen“ oder „wenn ich morgen einigermaßen fit sein möchte, sollte ich jetzt vielleicht mal schlafen“ fallen einem schon als unerwünscht auf die Nerven.

Walter Moers kannte ich bisher nur als den Erschaffer von Das Kleine Arschloch und als Vater von Käpt’n Blaubär aus der Sendung mit der Maus. Mit Die Stadt der Träumenden Bücher outet sich der Autor unverkennbar als ein großer Liebhaber nicht nur von Büchern, sondern von Sprache im Allgemeinen. Würde er dies jemals abgestritten haben, mit diesem Buch wäre er sofort entlarvt. So kreativ wie Walter Moers mit Wörtern spielt, das muss man erst einmal hinbekommen. Seine Figurennamen beispielsweise setzen sich größtenteils aus Anagrammen bekannter Schriftsteller zusammen, so ist Orca de Wils niemand Anderer als Oscar Wilde. Das Tüfteln, um alle Namen herauszukriegen ist ein zusätzlicher Lesespaß zu der eh schon bezaubernden Geschichte. Hinzu kommen seine Wortneuschöpfungen, die man am liebsten sofort alle in das Wörterbuch der deutschen Sprache aufnehmen würde. Wusstet ihr zum Beispiel, dass mit ‚knolfen‘ eine Bezeugung größter Zufriedenheit gemeint ist, die durch das mahlende Aufeinanderreiben der Zähne ausgeführt wird. Mir erschien das Wort überhaupt nicht fremd, denn mein verstorbenes Kaninchen Racker hat genau das immer gemacht, wenn er mit sich absolut im Reinen war oder sich in einem Zustand des nicht mehr zu übertreffenden Wohlbehagens befand. Wenn er zum Beispiel so lange gekrault wurde, dass er sich zu doppelter Länge ausgestreckt hatte. Jetzt weiß ich endlich wie das Geräusch heißt! ^^
Ich habe mich beim Lesen jedenfalls die ganze Zeit dabei erwischt, wie ich ständig mit den neuen Wörtern herumgespielt habe.

Mein Fazit: Eine wunderbare, phantasievolle Geschichte, spannend, intelligent und lustig, die mich völlig verzaubert hat. Perfekt für diese Zeit vor Weihnachten, weil sie so schön märchenhaft ist.

2 thoughts on “Märchenhaft: Die Stadt der Träumenden Bücher – Walter Moers

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