Wild – wilder – Sturmhöhe von Emily Brontë

Bisher habe ich Wuthering Heights immer im Original gelesen, bestimmt mittlerweile drei- oder viermal. Diesmal aber wollte ich den Roman einmal in einer wirklich schönen deutschen Übersetzung lesen, weil das intuitive Verständnis in seiner eigenen Muttersprache immer noch am besten funktioniert. In unserer Bibliothek hatte ich davon gleich zwei zur Auswahl, einmal die Übersetzung von Gisela Etzel erschienen im Anaconda Verlag und einmal die von Angelika Beck bei Artemis & Winkler. Um mich für eine Version zu entscheiden, habe ich beide mit dem Originaltext verglichen. Dabei hat sich schnell herausgestellt, dass es die eine Übersetzung für mich überhaupt nicht war. Im Vergleich mit der von Angelika Beck wirkte die nämlich auf mich irgendwie hakelig und sprachlich nicht ganz so natürlich. Dagegen ist diese hier ganz wunderbar und passt sich scheinbar mühelos der englischen Vorlage an.

Sturmhöhe erzählt die Geschichte der beidenden Liebenden Catherine Earnshaw und dem einstigen Findelkind Heathcliff. Als Kinder wachsen sie gemeinsam auf und sind einander später so verbunden, dass sie im Laufe der Zeit beinahe zu einer einzigen Person verschmelzen. Dennoch entscheidet sich Catherine, als sie heiratet, nicht für ihren Seelengefährten Heathcliff, sondern für ihren Nachbarn, den reichen Edgar Linton. Dieser stammt aus einer wohlhabenden und angesehenen Familie, wirkt aber neben Heathcliff wie eine Wasserfarbenzeichnung neben einem Ölgemälde. Von äußerst zarter Konstitution mit einem sanften, ausgeglichenen und freundlichen Wesen kann er seiner temperamentvollen und wilden Frau Catherine nicht im Entferntesten Paroli bieten.

Als Heathcliff, den es von Catherine verschmäht in die Ferne gezogen hat, Jahre später als gemachter Mann wiederkehrt, ist er von tiefen Rachgefühlen erfüllt gegenüber allen, denen er sein Unglück zuschreibt. Mit Ausnahme von Catherine, der er trotz ihrer Untreue nicht böse sein kann und die er immer noch wie sich selbst liebt, sind das vor allem Hindley, Catherines Bruder, der Heathcliff als Kind erniedrigt und misshandelt hat und alle Angehörigen der Familie Linton, die er dafür verantwortlich macht, ihm seine einzige Liebe genommen zu haben.

Fürchterlich plant und setzt er seine Vergeltung in die Tat um. Am Ende sind elf der Figuren tot, und das in einem Roman, dessen Personal von vorneherein schon recht sparsam ist. Doch zum Schluss gelingt es Heathcliff dennoch nicht, seine letzte Genugtuung zu bekommen. Zwischen seinen beiden jüngsten Opfern, Hareton Earnshaw (Catherines Neffe und Hindleys Sohn) und Cathy Linton (die Tochter von Catherine und Edgar) entwickelt sich nach einigen Startschwierigkeiten eine ebenso innige Verbindung, wie sie Heathcliff und Catherine Earnshaw miteinander verband.

Sturmhöhe ist für mich ein gewaltiger Roman und völlig zu recht einer DER Klassiker der englischen Literatur. Wenn ich ihn lese, sehe ich immer die rauhe und karge Moorlandschaft vor mir, in der die Autorin Emily Brontë selber aufgewachsen ist und in der sie bis auf wenige Ausnahmen zeit ihres Lebens gelebt hat. Dass sie ihren Roman genau dorthin versetzt, wundert einen nicht. Das Buch beschwört mit seiner Handlung etwas Urwüchsiges hinauf, etwas, das als Fundament allem Wesen und Leben zugrunde liegt. So lässt Brontë auch Catherine ihre Liebe zu Heathcliff beschreiben, die gegenüber der, die sie für Edgar Linton empfindet, auf einer völlig anderen Basis existiert:

Meine Liebe zu Linton ist wie das Laub der Wälder. Sie unterliegt dem Wandel der Zeit, das weiß ich sehr wohl, so wie der Winter die Bäume verwandelt, doch meine Liebe zu Heathcliff gleicht den ewigen Felsen darunter – sie ist ein Quell kaum wahrnehmbarer Freuden, aber ohne sie kann ich nicht sein. (114)

Erstaunlich ist für mich bei jedem Lesen wieder, dass Heathcliff mit all seinen gnadenlosen und unbarmherzigen Zügen dennoch die Sympathie eines Lesers auf sich ziehen kann. Trotz aller Gräueltaten gewinnt er immer wieder mein Mitleid und ich kann ihn, wenn er auch noch so grausam ist, teilweise sogar verstehen. Angelika Beck, die Übersetzerin, die gleichzeitig auch Professorin für Anglistik ist, zitiert im Nachwort des Romans als Erklärung für dieses Phänomen der Sympathie für Heathcliff den englischen Kritiker Arnold Kettle. Dieser sieht hierin das Gelingen Emily Brontës, den Leser davon überzeugen zu können, dass Heathcliffs Prinzipien denen der Lintons moralisch überlegen sind und er so eine Art von moralischer Gerechtigkeit gegenüber den anderen Figuren des Romans verkörpert (vgl. 496). Da ist was dran, glaube ich, denn ich zucke zwar auch immer zusammen, wenn Heathcliff schlägt, seelisch misshandelt oder Tiere quält, trotzdem verliert er dadurch nicht meine grundsätzliche Sympathie. Diese Vergebung eigentlich verdammenswürdiger Taten glaube ich auch in der Reaktion der Haushälterin Nelly gegenüber Heathcliff zu erkennen. Obwohl sie durchaus deutliche und offene Worte des Tadels an ihn richtet, geht aus ihren Gedanken doch oft genug eine verständnisvollere Betrachtung hervor. In ihnen hält sie ihm zugute, dass er es von Beginn an schwer gehabt hat in der Familie Earnshaw, spätestens ab dem Zeitpunkt, als sein Gönner, der Vater von Hindley und Catherine, stirbt. Seitdem musste er die verächtliche Haltung Hindleys erdulden, der auch keine Probleme damit hatte, gegenüber Heathcliff handgreiflich zu werden. Nelly ist nie wirklich von Heathcliff eingeschüchtert, wenn er auch noch so garstig ist, was ihre Überzeugung nahe legt, dass er letztlich nicht bis zum Äußersten gehen würde.

Und genau das hat mir diesmal zu denken gegeben. Wenn ich mir die Charaktere, also Heathcliffs Opfer, so ansehe, ist ihnen allen auch eine ziemliche Unwehrhaftigkeit zu eigen. Mir schoss durch den Kopf: Also mit Catherine hätte der das nicht veranstaltet!
Das wirft die Frage auf, ob bei entschlossenerer Gegenwehr der Verlauf der Gleiche gewesen wäre, oder ob man dann einen Heathcliff nicht in den Griff hätte bekommen können. Letztlich muss die Zeit dann das richten, was die Unentschlossenheit und Schwäche der Figuren nicht vollbringen kann. Heathcliff wird am Ende durch seine Liebe zu Catherine zu Fall gebracht, weil er nach Jahren der Trauer und des jeden Tag empfundenen Verlusts schrittweise seine gesunden Sinne verliert und den Tod schließlich als eine Erlösung empfindet, der ihn am Ende endlich wieder mit seiner Liebe vereint. Ein wunderbarer Roman, den ich jedem empfehlen kann, nicht nur zu lesen, sondern immer wieder zu lesen.

  • Wuthering Heights in zwei verschiedenen Versionen als Audiobook bei librivox.org (englische Version)
  • Der e-text von Wuthering Heights bei Gutenberg.org (englische Version)

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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