Die Grenze von Gut und Böse: Der Richter und sein Henker – Friedrich Dürrenmatt

Als zwei meiner Schüler, denen ich in Deutsch helfe, mir erzählten, dass ihre nächste Klassenarbeit Friedrich Dürrenmatts Roman Der Richter und sein Henker zum Thema habe, war mein allererster Gedanke

OHA!

Aus meiner eigenen Schulzeit habe ich noch unheilschwanger in Erinnerung, dass wir Dürrenmatts Drama Der Besuch der alten Dame gelesen haben und dass ich damals nicht viel mehr als nur „Bahnhof“ verstanden habe.

Ok, dachte ich, neues Spiel neues Glück und habe mir den Roman in der Bücherei ausgeliehen. Auf den Gedanken waren jedoch anscheinend die Hälfte aller Neuntklässler bzw. deren wissbegierige, hilfsbereite Eltern ebenfalls gekommen – die Kinder haben das Buch ja alle einheitlich von der Schule erhalten – denn die einzige Ausgabe die ich ergattern konnte, kann ich voraussichtlich auch noch als kurzsichtige Dame von achtig Jahren lesen – Großdruck! Na, das fängt ja gut an. Das auf den ersten Blick Positive ist, dass der Roman nur knapp mehr als 100 Seiten hat, also in MEINER Ausgabe, in der „normal“ gedruckten wahrscheinlich nur fünfundsiebzig. ^^

Vordergründig geht es in Dürrenmatts Buch um einen Mord an einem schweizerischen Kriminalbeamten, der sich im Herbst 1948 in der Nähe von Bern (Bieler See, Chasseral) ereignet und der von dem alten Hasen Komissar Bärlach (in schweizerisch heißt der allerdings Komissär) aufgeklärt werden soll. Weil es dem nicht so gut geht („gut“ ist gelinde gesagt, er leidet unter einer Krebserkrankung des Magens im bereits fortgeschrittenen Stadium) fordert er bei seinem Chef Lutz die Hilfe seines ihm unterstellten Kollegen Tschanz an, der den Fall hauptsächlich übernehmen soll, er Bärlach sei diesem dann nur zur Seite gestellt.

Dass diese Bitte Bärlachs nicht ganz ohne Hintergedanken ist und nur am Rande mit seiner Erkrankung zu tun hat, wird dem Leser recht schnell klar. Der Komissar hat nämlich bereits von Beginn an den Verdacht, dass es sich bei dem Mörder Ulrich Schmieds um Tschanz selbst handelt. Danach passieren aber Dinge, die nicht typisch sind für die Aufklärung eines Kapitalverbrechens und die den Verdacht nahe legen, dass es Bärlach um noch ganz andere Dinge geht, als lediglich darum, Tschanz als Täter zu überführen. Dabei spielt auch die zweite Hauptfigur, der schimärenhafte Gastmann, eine bedeutende Rolle.

Ich möchte jetzt nicht den Verlauf des Krimis (um einen solchen handelt es sich nämlich tatsächlich) spoilern, darum gehe ich nicht weiter ins Detail. Allerdings muss ich wirklich sagen, dass der Roman meine Einstellung zu Friedrich Dürrenmatt grundlegend verändert hat. Je mehr ich mich (anfangs gezwungenermaßen, nachher immer freiwilliger) mit dem Klassiker beschäftigt habe, desto mehr gefiel mir dessen Facettenreichtum und gute Umsetzung. Der Richter und sein Henker ist meiner Meinung nach eine 1A Schullektüre, die das Genre des klassischen Kriminalromans, in dem es jedoch um so viel mehr geht als nur einen Mord, einem Schüler der neunten Klasse nahe bringen kann. Besonderen Fokus legt Dürrenmatt dabei auf die Tatsache, dass der Grat zwischen moralischen Prinzipien wie Gut und Böse äußerst schmal ist und dass Menschen, die eigentlich ethischen Grundsätzen folgen manchmal aus dem Wunsch heraus, das Gute zu erreichen, sich fragwürdiger, wenn nicht sogar illegaler Mittel bedienen.

Auch wenn meine zwei Jungens das noch nicht so sehen können – die fanden den Roman nämlich eigentlich trotzdem ziemlich schrecklich (wofür ich das größte Verständnis habe, so etwas kann man erst Jahre nach der Schule anerkennen ^^) – ich hoffe doch, dass ich mit meiner eigenen Begeisterung alles dafür getan habe, dass sie irgendwann dem Roman noch einmal eine zweite Chance geben, fernab von allem schulischen Druck und der Wichtigkeit von Noten und Klassenarbeiten.

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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