Ungewohnt heiter: Ende einer Dienstfahrt – Heinrich Böll

Ohh, was hab ich mich lange vor Heinrich Böll gedrückt. Ich werde innerlich rot, wenn ich bedenke, dass ich ein Germanistikstudium beendet habe und nur einen einzigen seiner Romane, Das Brot der frühen Jahre, gelesen habe.😳
Rückblickend habe ich vielleicht einfach nur mit dem falschen seiner Bücher begonnen, denn jenes hat mich seinerzeit ganz schön deprimiert. Nicht, dass ich der Meinung wäre, es sei nicht die Aufgabe von Romanen, ja der Literatur allgemein, ihre Leser mit der wenn auch traurigen Wirklichkeit zu konfrontieren. Das glaube ich sogar ganz bestimmt. Nur es ist ja oft so beim Lesen, dass für ein bestimmtes Buch einfach nicht immer die richtige Zeit da ist. Liest man es dann zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal, sieht es vielleicht schon ganz anders aus.

Nach Ende einer Dienstfahrt bin ich mir jedenfalls sicher, dass Heinrich Böll auch anders konnte als deprimierend, nämlich ironisch, schmunzelnd und im leichten Ton. Dabei kommt einem, wenn man den Titel Ende einer Dienstfahrt nachklingen lässt, erst einmal nicht unbedingt etwas Amüsantes in den Sinn. Ich jedenfalls habe zunächst unwillkürlich an ein unplanmäßiges, abruptes, wenn nicht sogar an ein schreckliches Ende gedacht. Vielleicht ein Fahrtende mit einer Massenkarambolage, möglicherweise mit noch Schlimmerem. Abrupt war es dann am Ende tatsächlich, dass aber die beiden Verursacher des ‚Endes‘ gemütlich rauchend vor der brennenden Karosserie eines Bundeswehrfahrzeuges sitzen, das sie selbst angezündet haben, in einer Umgebung, die so weit entfernt von allem ist, dass unmöglich Menschen oder Tiere zu Schaden kommen konnten, ja selbst aus dem Brand resultierende Flurschäden sich in engen Grenzen halten, das hatte ich mir jetzt so nicht vorgestellt, als ich den Titel las.

Dass die dem Delikt folgende Gerichtsverhandlung auch für die Angeklagten nicht ‚brenzlig‘ wird, macht Böll schon ziemlich früh klar. Die ortsansässige Presse wird schon im Vorfeld effektiv zurückgepfiffen und sensationslüsterne Vorverurteilungen bleiben unabgedruckt. Der Fall wird vor dem Amtsgericht eines Kleinstädtchens verhandelt, der Richter steht unmittelbar vor der Pensionierung und war immer schon für seine verhältnismäßige Milde in Gerichtsurteilen bekannt. Jeder der Anwesenden kennt die Täter mit Vornamen und von kleinauf, Einwürfe im breitesten rheinischen Dialekt sind keine Seltenheit. Vater und Sohn Gruhl sind angesehene, von allen geschätzte Leute im Städtchen Birglar. Beide sind fähige Möbelschreiner, der Vater trotz seines Fleißes und Könnens hoch steuerverschuldet, wobei mehr als angedeutet wird, dass dies eher auf einen „erbarmungs- und gnadenlosen Wirtschaftsprozeß“ (S. 190) als auf dessen eigenes Verschulden zurückzuführen ist. Beide Angeklagte werden am Ende lediglich zu vollem Schadensersatz (den eine wohlwollende ältere Dame aus Birglar übernimmt) und zu sechs Wochen Gefängnishaft verurteilt, auf die jedoch die Zeit der Untersuchungshaft angerechnet wird, so dass Vater und Sohn Gruhl nach der Verhandlung sofort auf freien Fuß gesetzt werden können.

Worüber Böll erzählt, ist eine fast schon Pro-Forma-Verhandlung vor einem kleinen rheinischen Gericht, bei der eigentlich schon von vorneherein feststeht, dass es zu keiner hohen Strafe für die Angeklagten kommen wird. Inwieweit die Tatsache, dass es sich bei dem Wagen um ein Fahrzeug der Bundeswehr handelt, und wie sehr eine mögliche Ablehnung der Bevölkerung gegenüber dieser Institution dabei eine Rolle spielt, lässt Böll den Leser selbst beurteilen. Seine ironische Darstellung der Tat sowie der Verhandlung lassen jedoch keine großen Zweifel aufkommen, dass dem tatsächlich so ist. Vor allem der Zusammenhang zwischen dem rechtschaffenen, und sich dennoch wirtschaftlich abstrampelnden Gruhl auf der einen Seite und einer Institution wie der Bundeswehr auf der anderen, die das Geld zum Fenster herauswirft, indem sie kostspielige Ressourcen wie Energie und Zeit widersinnig verschwendet, wird im Roman sehr deutlich gemacht.

Ende einer Dienstfahrt spiegelt darüber hinaus den sogenannten „rheinischen Klüngel“ in seiner besten Form wider. Gegen diesen sind, wie Böll eindrucks- und humorvoll zeigt, die formellsten juristischen Bemühungen völlig machtlos. Wie sehr das heute immer noch zutrifft, kann man jedes Jahr wieder im Kölschen Karnval erleben. Ende einer Dienstfahrt zu lesen war eine richtige Wohltat, nicht zuletzt weil ich Heinrich Böll einmal von einer völlig anderen Seite kennen gelernt habe. Mit diesem so positiven Eindruck schmiede ich das Böll-Eisen so lange es noch heiß ist und lese im November sein Irisches Tagebuch, einen Reisebericht über das Land, in dem ich einige Monate gelebt habe. Irgendwie muss man Heinrich Böll doch beikommen können…😉

2 thoughts on “Ungewohnt heiter: Ende einer Dienstfahrt – Heinrich Böll

  1. Oh, mit dem irischen Tagebuch wurde es dann aber doch wieder eine Spur melancholischer, oder? ‚Ende einer Dienstfahrt‘ könnte ich immer wieder lesen, weil die Erzählung, wie Du ja schreibst, das Rheinische perfekt karikiert und den Zungen- und Menschenschlag besser nicht darstellen könnte (das hat sich bis heute nicht geändert). Daraus entstehen auch ein paar sehr schräge Figuren wie Gruhl sen. oder auch der Richter, deren in die Erzählung verwobenen Lebensläufe das Buch so lesenswert machen.

    Leider bergen viele Werke Bölls, vor allem die frühen Romane, eine Menge Melancholie und Schwere, die Böll ja auch immer vorgeworfen wurde. Dazu sind die Milieus heutigen Lesern kaum noch geläufig, man denke z. B. an die Persiflage katholischer Kreise in ‚Ansichten eines Clowns‘, die bei aller Überzeichnung eine gehörige Portion Realität aus der Zeit der Bonner Republik barg.

    Es ist schade, dass das offenbar eine Menge jüngerer Leser nicht mehr zu Böll zu führen scheint. Er scheint fast vergessen worden zu sein. Umso schöner, einen Artikel hier bei Dir im Blog zu lesen. Vielen Dank!

    • Lieber Christoph,
      vielen Dank für den informativen Kommentar. Zum „Irischen Tagebuch“ – es ist jetzt schon etwas länger her, dass ich es gelesen habe, aber ich erinnere mich daran, dass es mir sehr sehr gut gefallen hat. Ja, melancholischer war es bestimmt, aber ich erinnere mich auch, einen guten Schuss Humor darin gefunden zu haben. Leider bin ich bisher nicht dazu gekommen, ein weiteres Buch von Heinrich Böll zu lesen, ich habe in diesem Jahr sowieso für meine Verhältnisse sehr wenig gelesen, aber ich werde die Lektüre seiner Werke auf jeden Fall wieder aufnehmen. Mit dem, was du über die jüngeren Leser und den Autor schreibst hast du sicherlich Recht, vielleicht begegnen einige von ihnen Böll so wie ich später noch und haben dann ein großes Werk zu entdecken.

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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