Universeller Leser: Die Bibliothek bei Nacht – Alberto Manguel

Alberto Manguel hat es mir angetan. Nach seinem Tagebuch eines Lesers habe ich gehofft, dass ich noch ein anderes Buch von ihm in meiner Bibliothek finden würde und tatsächlich – ich konnte ein zweites Buch (und sogar noch ein drittes für später) aus der hiesigen Bücherei ausgraben. Das „ausgraben“ ist hierbei tatsächlich wörtlich zu verstehen, denn die Bibliothekarin musste für das Buch extra in die Katakomben der Bücherei, das sogenannte Magazin, herabsteigen. Dorthin war es wegen seiner geringen Ausleihquote verbannt worden. Ich musste ihr versprechen, es nach dem Lesen bei Gefallen an möglichst viele andere weiter zu empfehlen, damit das Buch einer lebhafteren Ausleih-Zukunft entgegensehen könne. Dieser besorgten Bitte einer Bibliothekarin, die ihren Beruf offensichtlich sehr liebt, komme ich deswegen hier gerne nach:

Liebe Leserinnen und Leser, wenn ihr Bücher von ganzem Herzen liebt, ihr niemals genug davon bekommen könnt, in einer Bibliothek herumzustöbern, wenn sich bei euch die Bücher schon einen Platz jenseits der Regale erkämpft haben, bitte lest dieses wunderbare, interessante, liebevoll verfasste Buch von jemandem, der sich, so wie ihr, eine Welt ohne Bücher niemals vorstellen kann. LESEN!!! BITTEEE!

So, Auftrag erledigt. Jetzt erzähle ich euch natürlich noch ein bisschen darüber, was ihr euch denn damit [Aktion ‚Rettet den Konjunktiv II‘] einhandeltet, liehet ihr euch das Buch tatsächlich aus.
Also: Alberto Manguel hat mit Die Bibliothek bei Nacht eine kleine Universalgeschichte der Bibliotheken geschrieben, und er ist jemand der es wissen muss, denn an seinem Wohnort in Frankreich hat er selbst eine wunderschöne Bibliothek aufgebaut und eingerichtet.

Ausgehend von der legendären Bibliothek von Alexandria, von der, so berichtet Manguel, heute wissentlich keine Beschreibung mehr erhalten ist, so dass niemand weiß, wie sie genau ausgesehen haben mag, setzt der Autor die Bibliothek in den Mittelpunkt verschiedener thematischer Betachtungen. In Kapiteln wie „Die Bibliothek als Mythos“, „…als Ordnung“, „…als Raum“, „…als Schatten“, „…als Identität“, „…als Zuhause“ widmet er jedem dieser Themengebiet einen eigenen Abschnitt.

Aus Die Bibliothek als Ordnung:

Ein anderer beschwerte sich, dass in derselben Bibliothek [der London Library] das Thema ‚Frauen (Women)‘ „in die Abteilung Verschiedenes am Ende der Abteilung Wissenschaft verbannt“ war, genauer zwischen ‚Hexerei (Witchcraft)‘ und ‚Ringkampf (Wrestling)‘. (54)

Jeder, der einmal versucht hat, seine Bücher in seinem Bücherregal anzuordnen, wird sich wohl auch schon die Frage gestellt haben, nach welchen Kriterien er dies genau tun soll. Soll man rein alphabetisch vorgehen, vielleicht eine Untergliederung nach Epochen treffen, oder das Genre der Bücher mitberücksichtigen. Nicht selten wird man dabei auf die Schwierigkeit gestoßen sein, dass man ein Buch eigentlich in zwei Abteilungen einordnen müsste und im Anschluss damit kämpfen, in welche man es denn nun stellen soll. Dieses Problem, so zeigt Manguel, setzt sich fort bis in die größten Bibliotheken unserer Welt und ist weit entfernt von jedweder Lösung. Wenn man mit Büchern zu tun hat, dann ist gerade dies eines der Dinge, die einen immer wieder beschäftigen. Manguel setzt sich damit auf höchst informative und humorvolle Weise auseinander. Dabei kann er nicht verleugnen, dass er selbst in seinem Leben viele, sehr viele Bücher gelesen hat.

Auf dem Weg durch die zahlreichen Bibliotheken begegnet einem zum Beispiel die des Aby Warburg, der sich der langen Tradition seiner Bankiersfamilie (noch heute gibt es die M. M. Warburg & Co) widersetzt und sich stattdessen der Kulturwissenschaft gewidmet hat. Seinem jüngeren Bruder Max, der zusammen mit einem weiteren Bruder, Paul, die Finanztradition an seiner statt fortgesetzt hat, verlangte er für das abgetretene Erstgeborenenrecht nur ein einziges Versprechen ab,  nämlich dass dieser ihm Zeit seines Lebens jedes Buch kaufen müsse, dass er brauche. Diesem Versprechen ist der Jüngere offensichtlich nachgekommen, denn die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg, deren Begründer Aby Warburg ist, umfasste zum Zeitpunkt seines Todes 60.000 Bände.
Auch von einer geheimen Bücherei ist in Die Bibliothek bei Nacht die Rede. Alberto Manguel berichtet von der verborgenen Bibliothek im Konzentrationslager, in der nur wenige Bände unter den dort Eingeschlossenen kursierten, die nur unter Einhaltung größter Vorsichtsmaßnahmen gelesen und weitergegeben werden konnten.

Was mir besonders an Die Bibliothek bei Nacht gefällt, ist zum einen der persönliche Bezug, den Alberto Manguel mit in diese Geschichte der Bibliotheken einbringt und so verhindert, dass aus einem informativen Sachbuch ein trockener Fachwälzer wird. Zum anderen haben mir die zahlreichen Geschichten und Anekdoten rund um die Bücher und die Bibliotheken gefallen. Jemand, der nicht sein kann ohne zu lesen, der nicht weiß, wie er bis zum Ende seines Lebens noch all die Bücher lesen soll, die auf seiner Liste stehen, die zudem auch noch jeden Tag länger wird, der wird eine Seelenverwandtschaft zu Alberto Manguel empfinden. Der teilt nicht nur all jenes sondern ist obendrein auch noch ein begnadeter Erzähler.

4 thoughts on “Universeller Leser: Die Bibliothek bei Nacht – Alberto Manguel

    • Das stimmt allerdings, Jarg! Ich freue mich schon sehr auf Alberto Manguels Im Spiegelreich, das noch bei mir liegt und gelesen werden möchte. Kennst du noch andere Bücher von ihm?

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s