Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen – Aimee Bender

In ihrem Buch Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen erzählt Aimee Bender die Geschichte der in Los Angeles lebenden Familie Edelstein aus der Sicht ihres jüngsten Kindes, der Tochter Rose. Kurz vor ihrem neunten Geburtstag macht Rose zum ersten Mal die Erfahrung, dass sie die Gefühle und Empfindungen von Menschen aus Gerichten heraus schmecken kann, die diese zubereitet haben. Ein Zitronenkuchen ihrer Mutter schmeckt nach unendlicher Traurigkeit, ja, eigentlich ist es noch schlimmer, der Kuchen schmeckt nach Leere, einem großen Loch. Das hört sich erst einmal ganz schön verrückt an, aber wenn man einmal liest, ist es das plötzlich gar nicht mehr.

Rose hat ab diesem Zeitpunkt jedenfalls einiges damit zu tun, mit ihrem neuen, ungebetenen Talent zurecht zu kommen. Dieses erweist sich über eine lange Zeit hinweg eher als Fluch denn als Segen. Die Notwendigkeit, lebenswichtige Vitamine und Mineralstoffe aufzunehmen, wird für Rose zur fast unbewältigbaren Herausforderung, weil sie nie weiß, was sie beim Essen erwartet. Rose entwickelt Vermeidungsstrategien wie den bevorzugten Verzehr von Lebensmitteln aus Automaten und Fast Food Mahlzeiten, die mit möglichst wenig an menschlicher Mitwirkung bei der Zubereitung maschinell gefertigt wurden. Anders ist es ihr kaum noch möglich, Essbares zu sich zu nehmen, weil sich ihr immer wieder eine Flut von meistens negativen Gefühlen aufdrängt. Die Wut, die der Bäcker einer Cookie-Kette empfindet angesichts der Tatsache, dass er studiert hat und trotzdem nur einen in seinen Augen nutzlosen Job ausübt, die Verzweiflung, die Rose aus dem Sandwich einer jungen Frau herausschmeckt, die sich sehnlichst wünscht, dass ihr Freund sie endlich wieder mehr beachtet. Wenn einmal ein positives Gefühl dabei ist, so wie die alles umfassende Zufriedenheit, die sie in den Speisen ihrer besten Freundin aus einer überaus glücklichen Familie herausschmeckt, ist sie damit völlig überfordert, weil ihre Sehnsucht danach, so etwas auch zu erleben, übermächtig wird.

Die einzigen Menschen, die über Rose Bescheid wissen und denen gegenüber sie sich öffnen kann, sind ihr Bruder Joseph, noch mehr aber dessen Freund George. Der ist gleichzeitig auch derjenige, der sich am meisten dafür engagiert, Roses Geheimnis auf die Spur zu kommen und eine Lösung für das verzweifelte Mädchen zu finden. Noch begabter in naturwissenschaftlicher Hinsicht als Joseph, führt er eine Reihe streng nach wissenschaftlichen Kriterien und Grundsätzen ausgelegte Tests mit ihr durch.

Die Edelsteins sind nicht gerade das, was man eine ganz normale Familie nennt. Joseph, der Naturwissenschaftsnerd, kaum fähig zu einer normalen sozialen Interaktion, eine Mutter, die ihre Einsamkeit mit ständig wechselnden Aktivitäten zu überdecken versucht und Rose, die die Gefühle anderer schmecken kann. Der Vater wirkt noch am bodenständigsten, was Rose einmal zu der Einschätzung veranlasst:

Am besten kann ich Dad so beschreiben: Er war ein Mann, der ziemlich genau wusste, was er wollte, er war intelligent, im Grunde seines Herzens aber ganz einfach und hatte ausgerechnet drei hochkomplizierte Menschen als Familienmitglieder abbekommen: Eine Frau, deren Einsamkeit zum Himmel schrie, einen Sohn, dessen Blick so durchdringend war, dass man ihm eine Cornflakesschachtel vor die Nase stellen musste, damit er von einem abließ und eine Tochter, die nach einem normalen Schulmittagessen eine Viertelstunde spazieren gehen musste, um sich davon zu erholen.“ (111f.)

Trotz dieser anklingenden Verrücktheit spürt man die Liebe, die die Familie verbindet in unzähligen Gesten und Handlungen – in den liebevollen Umarmungen, die die Mutter freigiebig an ihre Kinder verteilt, in der Sicherheit, die der Vater ausstrahlt und damit für seine Familie eine Basis der Normalität bereitstellt oder an so einfachen Dingen wie einer Cornflakes-Packung, die Rose ihrem Bruder Joseph hinrückt:

Joseph hatte sich in der Pubertät angewöhnt, beim Essen zu lesen, und brachte grundsätzlich ein Buch mit an den Tisch, das er sich auf den Schoß legte, um nach jedem Bissen hineinzuschielen. Meistens ein Schulbuch, ab und zu einen Krimi. Mom und Dad hatten es aufgegeben, ihn davon abhalten zu wollen, denn wenn man ihm das Buch entwand, starrte er so demonstrativ in die Luft, dass wir ihm am liebsten eine Tüte über den Kopf gestülpt hätten.Wenn er kein Buch dabeihatte, stellte ich ihm manchmal eine Cornflakes-Schachtel vor die Nase, damit seine Augen etwas zu tun hatten. Sie blieben dann an der Schrift hängen, als müssten sie umherirren, bis Wörter und Zahlen sie wieder in unserer Welt verankerten.“ (103)

Aimee Bender lässt uns Rose im Buch einmal als Neunjährige, als Zwölfjährige und als Siebzehnjährige begegnen. Was mir gut gefallen hat, ist, dass die Autorin sich diese verschiedenen Altersstufen auch auf der inhaltlich-sprachlichen Ebene niederschlagen lässt. Anfangs, als Rose neun Jahre alt ist, ist es eine sehr zentrierte Welt, von der sie erzählt, eine Welt, die auf Roses nächstes Umfeld, die Familie, die Schule und Freunde beschränkt ist. Genauso liest man heraus, wie sich diese Welt mit Roses Entwicklung nach und nach öffnet. Rose ist überhaupt eine Heldin, bei der man eigentlich nicht anders kann, als sie in sein Herz zu schließen. Alleine ihre allabendlichen Gebete, in denen sie demjenigen dankt, der jeden Tag die Backerzeugnisse ihrer Mutter aufisst, so dass sie das schon nicht tun muss, lassen ihr alle Sympathien zufließen.

Im letzten Drittel des Buches erwartet einen dann noch eine ungeheure Enthüllung, die mir tatsächlich die laut ausgerufenen Worte: „Nee, das gibt’s doch jetzt nicht, oder?“ entlockt hat. Welche das ist, werde ich hier jetzt logischerweise nicht verraten, aber das war schon DER Knaller! Plötzlich wurde mir alles klar, wie man so schön sagt, „es fällt einem wie Schuppen von den Augen“.
Wenn ich’s mir recht überlege, hätte ich da auch vorher drauf kommen können, aber das kann man natürlich im Nachhinein immer sagen. Aimee Bender hat das sehr geschickt gemacht und alleine dafür lohnt es sich schon, das Buch zu lesen.
Aber selbst ohne diese Überraschung am Ende  lohnt sich ein Lesen in jedem Fall, allein schon wegen der ungewöhnlichen und in einer schönen Sprache mitreißend erzählten Geschichte von Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen.

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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