Lolita lesen in Teheran – Azar Nafisi

Ein Buch, das schon Ewigkeiten – seit dem Literaturmarathon im Rahmen der lit.Cologne 2006 (!) – auf meiner Leseliste stand. Die Autorin Azar Nafisi ist eine iranische Literaturdozentin, das Buch schildert ihre Rückkehr in den Iran aus Amerika, wo sie studierte, und ihr Leben in Teheran während des politischen Umsturzes durch Ruhollah Khomeini und der Zeit, die sich daran anschließt. Nachdem sie die Universität von Teheran aus Protest gegen das herrschende Regime mit seinen immer rigoroseren Vorschriften nicht nur zur Lehre, sondern auch zur individuellen Lebensgestaltung (Azar Nafisi hatte sich geweigert, sich zu verschleiern) verlassen hatte, las sie mit wenigen, ausgewählten ihrer Studentinnen im Geheimen ein Jahr lang bei sich zu Hause große Romane der Weltliteratur. Die meisten dieser Romane fielen unter die Zensur oder waren zumindest höchst umstritten aufgrund ihrer angeblich zersetzenden Wirkung. Nafisis Buch Lolita lesen in Teheran widmet sich vor allem der Frage, welche Rolle der Literatur mit ihren großen Romanen für das alltägliche, aber vor allem auch für das aus den Fugen geratene Leben, zukommt. Und das auch ganz praktisch verstanden. Wie oft sind mir selbst schon Fragen begegnet wie z.B.: Ja und wofür ist das, was in Büchern steht außerhalb dieses eigenen Phantasieraumes eigentlich gut? Wozu braucht man das? Wie hilft das einem im Leben weiter? – Nafisi gibt darauf sehr viele gute Antworten, die ich mir genauso abschreiben werde, damit ich sie als Argumente für all die Zweifler immer parat habe.😉

Azar Nafisi hat den Roman in englischer Sprache geschrieben (Originaltitel: Reading Lolita in Teheran), ich habe in der Bücherei jedoch nur die deutsche Übersetzung gefunden. In dem Fall war das aber nicht so schlimm, weil es sich um eine sehr gelungene Übersetzung handelt. Grob ist der Roman in vier Teile eingeteilt, die mit dem Titel des jeweiligen Werkes überschrieben wurden, das Azar Nafisi mit ihren Studenten gerade behandelt. Neben Lolita von Vladimir Nabokov, das dem ganzen Roman seinen Titel gegeben hat, sind dies noch (The Great) Gatsby, (Henry) James und (Jane) Austen.

Die bemerkenswerteste Szene im Roman ist sicher der Prozess gegen Fitzgeralds Romanklassiker Der große Gatsby. Sie richtet sich gegen eine ausschließlich moralisierende Lesart von Literatur mit der Folge, sie entweder als systemaffirmierend zu instrumentalisieren oder sie zu ächten und zu verbannen, wenn sie als systemfeindlich verstanden wird. Die in einem ihrer Literaturseminare geführte Verhandlung folgt auf die kritische Äußerung eines Studenten Nafisis, der den Gatsby verurteilt hatte, weil er unmoralisch und verbrecherisch sei und das westliche System glorifiziere, das der Islam doch gerade ablehne. Zuerst reagiert Nafisi auf diesen Angriff ironisch mit der Frage, ob denn in diesem Fall schon Anklage gegen Gatsby erhoben worden und dann auch bedacht worden sei, dass eine Verurteilung seiner Person sich als vergeblich erweisen werde, da der betreffende Gentleman doch schon tot sei. Dann aber sieht sie eine Chance darin, das Thema tatsächlich im Seminar verhandeln zu lassen. Zu diesem Zwecke werden die Rollen des Anklägers (der entrüstete Student), des Richters, des Strafverteidigers und des Angeklagten (nicht der Autor sondern das Buch selbst vertreten durch Azar Nafisi) vergeben. Der Prozess ist wunderbar geschildert – nachdem der Ankläger in einer Tirade gegen das Werk wettert und alle denkbaren Stereotypen vorbringt, die ein totalitäres System auf seine zensierten Werke loslassen würde, übernimmt eine Studentin die Verteidigung. Sie hält in den wichtigen Punkten fest, dass die Klage gegen den Gatsby lediglich die Unfähigkeit preisgebe, einen Roman als eigenständiges Kunstwerk zu lesen, das nicht der Realität sondern der Fiktion verhaftet sei. Das, was gegen den Roman und gegen jede als unmoralisch verstandene Literatur vorgebracht werde, sei lediglich eine grobe, vereinfachende Zuspitzung von Richtig und Falsch ohne ein tieferes Verständnis der tatsächlichen Motive, die einem Roman zugrunde liegen. Ein Roman sei nicht an sich moralisch, sondern er könne höchstens moralisch genannt werden, weil er in der Lage ist aufzurütteln, zu irritieren und Werte in Frage zu stellen.

Eine ähnliche Situation findet sich später im Buch noch einmal, als sich die Autorin an eine ehemalige Studentin erinnert, die sich ebenfalls über unmoralisches Verhalten in einem Buch beschwert hatte, nämlich über das von Heathcliff und Catherine in Brontës Sturmhöhe. – „Ich wollte nicht noch einen Roman vor Gericht stellen. Ich sagte ihr, es sei unmoralisch, über einen großen Roman so herzuziehen, die Figuren seien kein Vehikel für moralische Imperative und die Lektüre eines Romans sei keine Übung für Zensur.“ (S. 405)

Neben der Beschäftigung mit den literarischen Werken geht es Nafisi aber immer wieder auch ganz konkret um die Lebensbedingungen im Iran während der Revolution unter Khomeini und ganz speziell, was diese für sie selbst, ihre Familie und ihre Studentinnen bedeutet hat. Sie und die Mädchen werden zu einem verschworenen Kreis, der sich in dem exklusiven Seminar bei ihr zu Hause einmal wöchentlich trifft und versucht anhand der Romanlektüre ihr Leben zu analysieren und Maßstäbe, Richtlinien aber auch Perspektiven daraus abzuleiten.

Zu Beginn des  Buches betrachtet Nafisi eine Fotoaufnahme von sich und ihren Studentinnen, auf der eine der jungen Frauen fehlt. Sie beschreibt ihr Gefühl dazu so: „Ihre Abwesenheit wirkt immer noch nach, wie ein akuter Schmerz, der keine physische Ursache mehr zu haben scheint. Das ist Teheran für mich: Das, was fehlte, war realer als das, was da war.“ (S. 16)
Das was fehlt ist Azar Nafisis Heimat, das Land, in dem sie geboren wurde und das sich seitdem so sehr verändert hat. Ihr erster Aufenthalt in Amerika während ihres Studiums lässt ihr den Unterschied zwischen diesem früheren Iran und dem jetzigen, streng islamischen, totalitären Staat noch deutlicher vor Augen treten. Nicht zuletzt dieser tief empfundene Verlust ist ein Grund dafür, dass Azar Nafisi, als es ihr möglich war, in die USA zurückgekehrt ist und dort bis zum heutigen Tage lebt. Lolita lesen in Teheran ist ein Buch, das Zeugnis ablegt über individuellen Mut, politischen Ungehorsam und Freiheit des Geistes, wenn um einen herum nur Zwang und Kontrolle herrscht. In mir ruft das Buch den tiefen Wunsch hervor, dass es der Autorin und ihren zahlreichen, ebenfalls emigrierten Landsleuten irgendwann möglich sein wird, in einen liberaleren Iran zurückzukehren.

  • Homepage von Azar Nafisi
  • Video zum Symposium on the Future of the Humanities (March 29, 2011) an der Johns Hopkins University, an dem Azar Nafisi teilgenommen hat

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