Tagebuch eines Lesers – Alberto Manguel

Wahrscheinlich immer noch unter der Einwirkung von Owen Meany wusste ich literarisch in den letzten Tagen überhaupt nichts mit mir anzufangen. Einen anderen Roman einfach so hinterher zu lesen, erschien mir unmöglich, aber so ganz ohne Buch…das war es auch nicht! So bin ich bei einem Bibliotheksaufenthalt auf Alberto Manguel gestoßen, der das Buch Eine Geschichte des Lesens geschrieben hat. Dieses jedoch hatte meine Bücherei leider nicht im Bestand, dafür aber sein Tagebuch eines Lesers, ein sehr persönliches Buch Manguels.

Während er seine neue Bibliothek in Frankreich mit seinen Büchern einräumt, hat der aus Argentinien stammende Schriftsteller und Literaturdozent Alberto Manguel ein Jahr lang seine Lieblingsbücher neu gelesen und die Lektüre kommentiert. Diese Erinnerungen sind stilistisch sehr schön geschrieben, mit interessanten Gedanken und Querverweisen, aber auch Alltäglichkeiten. Bibliophil und anregend.

Beim Lesen stellte ich fest, dass dies genau das Richtige nach Owen war – eine lose, fragmentarische Aneinanderreihung von Lese- und Lebenserinnerungen, geschrieben von einem Literaturdozenten, Autor und Übersetzer, dem man in jedem Wort seine große Belesenheit und Liebe zur Literatur anmerkt. Nach Beendigung des Tagebuchs bleibt mir als Erinnerung nun eine umfangreiche Leseliste von Büchern, ganz ähnlich wie damals der aus Helene Hanffs 84, Charing Cross Road, auf die mich Manguel aufmerksam gemacht hat. Darunter ist der mir bisher völlig unbekannte südamerikanische Autor Adolfo Bioy Casares mit z.B. seinem Roman Morels Erfindung, Kim von Rudyard Kipling oder Sei Shonagons Kopfkissenbuch.

Und ganz praktisch betrachtet hat mich das Tagebuch dazu angeregt, unmittelbarer und disziplinierter zu notieren, was mir beim Lesen einfällt, auch diffuse Überlegungen zuzulassen oder Exkurse, die meine Gedanken nehmen, aufzuschreiben. Damit habe ich beim Lesen dieses Buches begonnen und hoffe, dass ich es jetzt auch durchhalte. Zum Festhalten meiner Leseeindrücke habe ich das unten abgebildete „Shakespeare“ Notizbuch reaktiviert, das mir mein Mann einmal geschenkt hat, das aber bislang noch keine rechte Aufgabe hatte.

Wie haltet ihr es eigentlich mit dem Notieren? Schreibt ihr schon während des Lesens auf, was euch durch den Kopf geht oder erst im Anschluss? Schreibt ihr in das Buch selbst hinein oder nehmt ihr euch separate Zettel oder ein Heft dazu?

Ganz untypisch für meine sonstigen Lesegewohnheiten habe ich parallel dazu Azar Nafisis Buch Lolita lesen in Teheran gelesen, ebenfalls ein Erinnerungsbuch, das über das literarische Leben, Lesen und Unterrichten der Hochschuldozentin und Autorin während der politisch-religiösen Umbrüche in ihrem Heimatland Iran berichtet. Im Vergleich zum Manguel ist dieses Buch kohärenter geschrieben und erinnert eher an einen Roman in seinem Stil. Aber gerade die Unterschiedlichkeit der beiden Schreibstile habe ich beim Lesen als sehr angenehm empfunden, weil sie eine klare Trennung zwischen den Büchern geschaffen hat. Morgens früh beim ersten Kaffee war die richtige Zeit für Manguel und während des Tages für Azar Nafisis Buch. Abends kurz vor dem Schlafengehen war dann wieder Alberto Manguel dran, dessen Stil hervorragend zu den Tageszeiten passt, an denen man selbst noch nicht so stringent denkt. Das werde ich jetzt öfter versuchen, neben einem Roman ein Buch mit Erinnerungen, Briefen, Aphorismen oder anderen kurzen Betrachtungen zu lesen.

Jetzt, nach Beendigung des Buches, bin ich froh, noch ein anderes Buch von ihm hier zu haben, Die Bibliothek bei Nacht, weil ich mich noch nicht so schnell von seiner angenehmen (Schreib-) Stimme trennen möchte. Und wenn ich das durch habe, dann gibt es noch sein Im Spiegelreich in meiner Stadtbibliothek, ich brauche mir also vorerst keine Sorgen um „Manguel-Nachschub“ zu machen.

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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