Rache ist süß! Oder sachlich: Adressat unbekannt – Taylor Kressmann

Um mich seelisch und moralisch für den letzten Teil von Owen Meany zu wappnen, musste ich zwischendurch eine kurze Lesepause einlegen, in die das kleine Bändchen Adressat unbekannt genau passte. Dabei handelt es sich um einen Miniroman, der in der Form eines Briefwechsels geschrieben ist. Die Briefe werden in der Zeit um die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland verfasst. Die Briefautoren sind der in Amerika lebende jüdische Geschäftsmann Max Eisenstein und sein Partner Martin Schulse. Die Handlung setzt mit der Rückkehr aus Amerika von Martin und seiner Familie nach Deutschland ein. Zuerst steht in den Briefen das gegenseitige Vermissen der Freundschaft im Vordergrund, das jedoch sehr schnell auf Seiten Martins von völlig anderen Gefühlen abgelöst wird.

Ich habe im Vorfeld den Klappentext absichtlich nicht gelesen, weil ich die Umstände und den Hintergrund des Briefwechsels lieber selbst einordnen wollte. So bin ich auf den ersten Seiten davon ausgegangen, dass es sich durchaus um einen realen Briefwechsel handeln könnte. Sehr schnell hat sich dann aber bei mir das Gefühl eingestellt, dass die Geschwindigkeit, mit der sich die Einstellungen von Martin ändern, eher als ein Mittel literarischer Verdichtung eingesetzt wird, als dass sie einen Prozess abbildet, der in der Realität auf diese Weise ablaufen würde. Genau das stellt eigentlich auch meinen einzigen Kritikpunkt an dem Briefroman dar. Ich finde es beinahe zu eilig, wie sich Max von einem Paulus zum Saulus wandelt. Mir kam der Gedanke, in der Absicht, die moralischen Verfallserscheinungen während des Nationalsozialimus darzustellen, ist die Autorin etwas über das Ziel hinausgeschossen, und hat damit die Erzählung in ihrer Glaubwürdigkeit und Anwendbarkeit auf die Realität fast gefährdet. Aber zum Glück nur fast!

Das Motiv und die Intention werden sehr deutlich und die Art und Weise, wie sich die Handlung dann entwickelt, ist wirklich spektakulär. Die vollzogene Abrechnung ist erschreckend intensiv in ihrem Ausmaß. Statt einem heißen Kopf und wilden um sich Schlagens, wirkt der Akt der Rache durchweg kopfgesteuert und fast unbeteiligt. Der Zweck der Vernichtung des Gegenübers ist das einzige was zu zählen scheint. So wie beim Schach. Bei Adressat unbekannt muss man am Ende wirklich schlucken. Mir ist bisher kein literarisches Beispiel begegnet, das eine bekannte Redensart zum Thema ‚Vergeltung‘ besser illustriert:
Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird!

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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