Die Herrlichkeit des Lebens – Michael Kumpfmüller

Ich hatte ja schon in einem der letzten Artikel kurz von diesem Buch berichtet, hier nun noch einmal etwas genauer. Die Herrlichkeit des Lebens ist für mich bisher DAS Buch des Jahres 2012, denn ich kann mich nicht erinnern, dass ein anderes mich auf diese Weise gefesselt und berührt hat und auch noch tagelang nach dem Beenden nicht mehr loslässt.

Als Franz Kafka vierzig Jahre alt ist, fährt er in einem Sommer zu seiner Schwester Elli an die Ostsee um bei frischer Seeluft seinen angeschlagenen Gesundheitszustand zu verbessern. Im Seebad Müritz lernt er die um Jahre jüngere Dora Diamant kennen, die als Köchin in einem Ferienlager für Kinder arbeitet. Es ist bei beiden Liebe auf den ersten Blick. Die kommende Zeit verbringen sie zusammen, jedenfalls soweit dies nach den geltenden Etiketten der Zeit möglich ist. Die wunderbare gemeinsame Zeit droht ein Ende zu nehmen, als sich Franz Kafkas Gesundheitszustand soweit verschlechtert, dass er abreisen muss. Die beiden beschließen, sich in Berlin wiederzusehen um dort gemeinsam  miteinander zu leben.

Bis dies allerdings geschieht vergeht jedoch längere Zeit als erwartet, die gesundheitlichen Probleme, die Schwierigkeiten Franz Kafkas sich gegen seine dominante und überfürsorgliche Familie zu behaupten machen der baldigen Wiedervereinigung Doras und Franz einen Strich durch die Rechnung. Als es ihm doch endlich gelingt, den an der See gemeinsam gefassten Entschluss in die Tat umzusetzen, hat sich seine Krankheit drastisch verschlechtert.

Trotzdem verbringen Dora und Franz die wertvolle gemeinsame Zeit auf eine wunderbar innige und vertraute Weise. Dora kümmert sich liebevoll um Kafka und zieht mit ihm in drei verschiedene Wohnungen in Berlin. Auch Franz‘ Eltern beginnen nach und nach die unlegitimierte Beziehung der beiden zu akzeptieren als sie sehen, welch große Verantwortung Dora ihrem Sohn gegenüber übernimmt.

Am Ende wird es aber nochmal so richtig traurig. Man weiß, dass der berühmte Autor bereits in jungen Jahren den Kampf gegen die Schwindsucht verloren hat. Nachdem die beiden nicht einmal ein volles Jahr miteinander hatten, stirbt Franz Kafka in den Armen Doras während eines Sanatoriumsaufenthaltes in Österreich.

Michael Kumpfmüller ist in meinen Augen etwas ganz Wundervolles gelungen, nämlich dass er seinen Lesern die sperrige Persönlichkeit eines Franz Kafka durch sein großes Einfühlungsvermögen mühelos nahe bringen kann. Bei mir war es bisher so, dass alle Anläufe, die ich mit Texten Kafkas unternommen habe, daran gescheitert sind, dass ich in die Sprache seiner Werke einfach nicht hinein finden konnte. Beim Schloss war es so, dass ich je weiter ich im Text vorangekommen bin, immer schläfriger wurde, bis ich am Ende überhaupt nichts mehr aufnehmen konnte. Ich habe das damals darauf zurückgeführt, dass das Buch seine Botschaft nicht besser hätte vermitteln können, als genau diese Wirkung bei seinen Lesern hervorzurufen, das ist fast schon genial. Ein Vorhaben ist einfach nicht zu verwirklichen, egal wie viel Willenskraft man hinein setzt. Beim Landvermesser K. war es das Erreichen des Schlosses, bei mir das Lesen des Buches. Bei den zwei im anderen Blogpost genannten Erzählungen genau dasselbe. Ein Bericht an eine Akademie ging noch so einigermaßen, die habe ich nur als unfassbar skurril und fremd empfunden, aber die zweite, Forschungen eines Hundes … bisher habe ich es noch nicht mal geschafft, sie zu beenden.

Was will ich jetzt damit eigentlich sagen? Ich will damit sagen, dass der Autor Michael Kumpfmüller bei mir das geschafft hat, was Kafka mit seinen eigenen Texten bisher noch nicht gelungen ist, nämlich ihn mir als Person und vor allem als Schriftsteller vorzustellen. Und zwar als einen, der mir zur Abwechslung mal gefällt und der sich mir auch erschließt. Jetzt könnte man ja sagen, das ist ja auch nicht Franz Kafka, der spricht, sondern Michael Kumpfmüller. So ist das aber nicht ganz, denn in Die Herrlichkeit des Lebens lässt der Autor immer wieder Kafkas eigene Worte einfließen und die fand ich (zum allerersten Mal) einfach nur schön. Beispiel:

„Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen, der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.“

Franz Kafka, Tagebücher (1921)

Als äußerst kunstvoll und minimalistisch schön empfand ich auch die inhaltliche Unterteilung des Romans in drei Abschnitte mit den Namen kommen, bleiben und gehen. Prägnanter und treffender geht es finde ich nicht.

Eine Rezension der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. August 2011 mit dem Titel Portrait des Künstlers als lebender Mann findet ebenfalls nur lobende Worte für Kumpfmüllers Buch. Der Autor habe die schwierige Aufgabe, einen biographischen Roman über einen Schriftsteller zu schreiben, mit Bravour gemeistert. Die Schwierigkeit liege darin, dass einerseits das Material offen zutage liege, andererseits aber ein Höchstmaß an stilistischer Präzension erforderlich sei, „über die Literaturgeschichte hinauszugehen, ohne in einen Widerspruch zu ihr zu geraten“. Ferner findet der Rezensent Oliver Jungen in Die Herrlichkeit des Lebens „Formulierungen, die so frei von Kitsch sind wie Kafkas Assoziationen selbst“. Mir bleibt diese Besprechung vor allem durch ihren letzten Satz in Erinnerung, der lautet „Die Wahrhaftigkeit dieses Romans ist deshalb so groß, weil er auch funktionierte, wenn man nicht wüsste, dass es sich bei seinem Protagonisten um einen der größten deutschen Schriftsteller handelt.“

Stimmt genau!

Einsame-Insel-Buch !!!

2 thoughts on “Die Herrlichkeit des Lebens – Michael Kumpfmüller

  1. I do not know of Franz Kafka at all, only from the post you have written here (and Murakami’s book, Kafka on The Shore, which is not about Franz at all). It sounds like this book is not only beautifully written, but that it is biographical? Even if the author has stretched the truth, I am moved by the story that Franz and Dora met by the sea and that he died in her arms…I wonder if I can find it in English?

    • You’re right, Bellezza. The author adhered closely to Kafka’s biography and interwove Kafka’s words and his own ones very artfully. I got completely lost in the rhythm of his language. And the initial setting by the sea…it is simply beautiful, so easy and playful, I fear Kafka’s life didn’t provide many of these little joys like walking on a beach or swimming in the ocean. It sounds as if you loved water as much as I do🙂
      It is such a pity that an English translation seems not to be out yet (the book was first published in summer 2011) but I am confident it eventually will be. I’ll keep an eye open and let you know.

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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