Die Stadt mit der roten Pelerine – Asli Erdogan

Mit diesem Buch habe ich mich schwer getan. Schon ewig schlummert es auf meinem Stapel „Bücher, über die ich eigentlich noch etwas schreiben wollte“. Ein Blick in meine Excel-Leseliste zeigt mir, dass ich zum Lesen des Romans tatsächlich mehr als einen Monat benötigt habe, dabei hat das Buch nur 208 Seiten und da ist das Nachwort schon mitgezählt. Dabei lässt sich alles wirklich sehr gut an. Sehr atmosphärisch schildert Asli Erdogan die Stimmung der Stadt Rio de Janeiro in Brasilien jenseits der Postkartenidylle und konfrontiert einen mit der ganzen Brutalität und Armut einer der gefährlichsten Städte der Welt.

Erdogans Protagonistin ist die junge Türkin Özgür, die es aus purer Reiselust in die Stadt verschlagen hat und die sich jetzt nicht mehr von Rio lösen kann, obwohl sie selbst bemerkt, dass ihr ihr Leben nach und nach aus den Händen gleitet. Seltsamerweise, während ich das jetzt schreibe, denke ich wieder: „Das hört sich aber interessant an!“ Aber irgendwie bleibt bei mir die reale Leseerfahrung hinter der Vorstellung, wie es denn sein könnte, zurück. Das Ganze hat sich gezogen wie ein trockener Kaugummi, den man eigentlich gar nicht mehr möchte, es aber aus irgendwelchen Gründen nicht schafft ihn auszuspucken.

Vielleicht war es auch einfach nicht das richtige Buch zur richtigen Zeit. Anderen scheint es nämlich gefallen zu haben. Wirft man einen Blick in das von Karin Schweißgut verfasste Nachwort, steht darin beispielsweise:

Lassen Sie sich mitnehmen auf eine Reise in die Straßen Rio de Janeiros und faszinieren von den Labyrinthen der Stadt, von den Tiefen der menschlichen Seele. Mit unpathetischn, prägnanten und eindrucksvollen Beschreibungen der Menschen, mit detaillierten Schilderungen einzelner Orte und Begebenheiten wird der Leser in den Bann der Stadt gezogen. Da die Umstände des Schreibens immer wiederthematisiert werden, ist es möglich, sich in den Text hineinzufühlen. (200f.)

Und genau da ging es mir ganz anders. Ich empfand es als nahezu unmöglich, mich in den Text hineinzufühlen. Als ich die ersten Seiten las, war ich tatsächlich kurz in den Bann der Sprache gezogen, aber mit jeder weiteren Seite wurde mir der Text immer unverständlicher. Vielleicht muss man tatsächlich wie Asli Erdogan in Rio gelebt haben um dem Rhythmus des Romans folgen zu können. So sehr ich dies gerne getan hätte, ist es mir leider nicht gelungen.

Ein interessanter Aspekt sind die rekursiven Strukturen in der Erzählung. Özgür schreibt an einem Roman mit dem Titel Die Stadt mit der roten Pelerine, dessen Protagonistin den Namen Ö. hat. Diese wiederum erlebt die Dinge wieder, die Özgür widerfahren sind, ein Buch im Buch also, dass auf sich selbst verweist. Im Laufe des Romans verwischt sich allerdings die Grenze zwischen Özgür und Ö so sehr, dass man als Leser oft nicht immer weiß, bei welcher Person man gerade ist.

Während des Lesens habe ich eine Mindmap erstellt, mit der ich die wichtigsten Punkte des Buches erfassen wollte, aber bereits dabei ist mir aufgefallen, dass es mir nicht gelungen ist, den roten Faden zu finden, der die Geschichte zusammenhält.

Ein weiterer Punkt, der es mir schwer gemacht hat, das Buch zu beenden, ist die absolute Weltuntergangsstimmung des Romans. Ich bin nun wirklich niemand, der alles als „heititei“ und rosarot empfindet, was in der Welt geschieht, aber das war selbst mir ein bisschen zuviel der Farbe Schwarz. Aber auch hier gilt: Vielleicht muss man in Brasilien gelebt haben, um das nachvollziehen zu können. So kann ich nur meine ganz individuelle Leseerfahrung wiedergeben und die ist, dass ich das Buch beim nächsten Mal eher

quer lesen / weglegen    & erneut nur    kaufen / ausleihen

würde.

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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