Libra – Don DeLillo

WOW ! W-O-W !!!!!!

Schon mehrere Male angefangen, aber immer gescheitert bin ich an Don DeLillos Libra oder Sieben Sekunden, wie es in einer früheren deutschen Übersetzung heißt. Warum ich es bisher nie geschafft habe, das Buch zu beenden, kann ich mir jetzt überhaupt nicht mehr erklären. Der Roman ist zwar wirklich Literatur-Literatur, er steht zum Beispiel auf der Leseliste für Studierende des Fachs Amerikanistik, aber er ist dabei nicht unzugänglich oder sonst irgendwie komisch. Ganz im Gegenteil, das Buch ist ein echter Pageturner. Obwohl Don DeLillo in einer Weise schreibt, die ein wenig an die Montagetechnik erinnert, bleibt er dabei immer lesbar. Der rote Faden, der so oft in Büchern mit dieser Schreibtechnik fehlt, ist in DeLillos Buch immer da. Keine Ahnung, warum ich einige Anläufe gebraucht habe, wahrscheinlich war es bisher einfach nicht die richtige Zeit. Hat man ja schon mal.

In Libra geht es um das Attentat auf JFK. Schaut man genauer hin, ist es allerdings eher ein Psychogramm des vermeintlichen Täters Lee H. Oswald von dessen Kindheit bis zum Zeitpunkt des Attentats. In dem Buch DeLillos kommt jeder zu Wort. Alle, die im Nachhall der Tat in irgendeiner Weise mit ihr in Verbindung gebracht wurden, tauchen in Libra auf und werden gehört. Dabei wird Lee Oswald immer mehr zu einer Figur, die nicht nur als der sprichwörtliche Sündenbock missbraucht, sondern der mehr noch als Person speziell für dieses Attentat entworfen wurde. DeLillo sagt an einer Stelle im Buch, dass jeder Menschen wie eine literarische Figur sei, nur ohne die Verdichtung und den Glanz eines Romans.

Unser Leben ist interessanter als wir glauben. Wir sind Romanfiguren, aber ohne die Verdichtung und den höheren Glanz des Romans. Unser Leben, in all seinen Beziehungen und Zusammenhängen sorgfältig erforscht, ist reich an vielsagender Bedeutung, an Themen und komplizierten Verwicklungen, die wir nie ganz haben sehen wollen. (106)

In diesem Sinne wird auch der Mensch Lee Oswald als Figur kreiert und geformt, so dass er einen bestimmten Zweck erfüllt, in dem er die anschließenden Ermittlungen in eine bestimmte Richtung lenkt. Diese Richtung geht nach links, natürlich. Sie verweist auf Kuba und die Kommunisten. Damit greift DeLillo die gängige und durchaus vertretbar erscheinende Theorie auf, dass verärgerte amerikanische Geheimdienstler mit dem Mordkomplott gegen JFK den Weg zurück in den Krieg gegen Kuba ebnen wollten. Die Drahtzieher, die wie schon in Oliver Stones Film JFK aus staatlichen Schlüsselpositionen wie den Geheim- und Nachrichtendiensten kommen, werden allerdings in der Interpretation DeLillos von dem Dämon, den sie erst geschaffen haben, überholt und das Ergebnis ist ein toter statt lediglich verschreckter Präsident, wie es eigentlich ursprünglich intendiert sein mochte.

Libra ist literarisch so komplex, dass ich es hier gar nicht vollständig besprechen kann. An dieser Stelle möchte ich nur dazu anregen, das Buch selbst zu lesen und damit Don DeLillo als einen der großen amerikanischen Erzähler kennenzulernen.

Interessant:

  • Der Blog A Piece of Monologue zeigt den Ausschnitt eines Interviews, das The Paris Review 1993 mit Don DeLillo geführt hat, in dem sich dieser zu seiner Recherchetätigkeit für Libra äußert. Das kam mir gerade recht, denn schon während ich das Buch gelesen habe, habe ich mich dauernd gefragt, wie Don DeLillo das nur alles hat zusammentragen können. Das vollständige Interview kann man bei The Paris Review selbst nachlesen.

Mir hat Libra richtig richtig gut gefallen! Das Buch ist für mich ein komplexes und grandios geschriebenes Dokument Zeitgeschichte.

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Einsame-Insel-Buch !!!

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