Dieses Leben, das wir haben – Lionel Shriver

Auf den ersten Blick wirken die Knackers, beide Anfang 50, wie ein ganz normales Ehepaar, mit ihrem Mietshäuschen im Einzugsbereich von New York, den zwei Kindern Zach und Amelia, geordneten Einkommensverhältnissen und einem weitläufigen Freundeskreis. Doch wie so oft trügt der Schein. Sheperd und Glynis Knacker verfolgen einen großen Plan – die totale Unabhängigkeit, die Reise in ihr persönliches Jenseits, wie sie es nennen: die Übersiedlung in ein Land ihrer Wahl, in dem es sich für den Rest ihres Daseins gut leben lässt. Finanziert werden soll dieser Wunschtraum durch den bereits abgewickelten Verkauf der von Sheperd gegründeten Handwerkerfirma. Die knappe Million Dollar Erlös ist sicher auf einem Merryl Lynch Konto geparkt.

Doch je greifbarer die Erfüllung des gemeinsamen Traumes wird, desto mehr befürchtet Shep, dass sich seine Frau Glynis längst aus dem Projekt „Freiheit“ ausgeklinkt hat. Als er sie schließlich vor die Wahl stellt, entweder mitzukommen oder allein zurückzubleiben, erzählt Glynis ihrem Mann von einer Tatsache, die plötzlich alles verändert. Kürzlich wurde bei ihr eine seltene, aber als tödlich geltende Krebserkrankung diagnostiziert, ein Mesotheliom.

Aus der Traum! Sheperd überlegt nicht lange und erklärt seine Fahrt ins Jenseits, das plötzlich eine ganz andere Dimension erhalten hat, für aufgehoben. Die nächsten Monate zeigen in aller Deutlichkeit, was das amerikanische Gesundheitssystem auch mit erklecklichen Ersparnissen anstellt. Die Kosten aller aus der sogenannten Regelversorgung hinausfallenden Behandlungen müssen zu 100 Prozent getragen werden, die Familienkrankenversicherung deckt gerade einmal einen Bruchteil der anfallenden Abgaben für Chemotherapie und Operation ab. Schöne neue Welt! – von der wir hier in Deutschland wahrscheinlich weniger weit entfernt sind, als wir das zurzeit ahnen. In wenigen Monaten schwindet Sheps Merryl Lynch Konto zusehends. Aus einer knappen Millionen bleiben ihm am Ende gerade noch ein paar Tausender.

Lionel Shriver zeigt erneut wie schon in Wir müssen über Kevin reden, dass sie ein Auge auf aktuelle soziale und gesellschaftliche Missstände richtet und auch in der Lage ist, diese bis zum Ende zu durchleuchten. Mit Glynis erschafft sie dabei eine Krebspatientin, die – höchst erfrischend – im Angesicht der Katastrophe nicht in schäfchenmäßige Akzeptanz ihres Schicksals und in nicht hinterfragte Spiritualität abgleitet, sondern die stattdessen mit bitterer Boshaftigkeit und rasender Wut gegenüber ihrem so zufälligen Schicksal reagiert. Damit vertreibt sie schnell die zunächst an ihr Krankenbett geeilten Freunde ebenso wie die enge Familie. Im Verlaufe der Geschichte zeigt sich, wie viele Freunde noch übrig bleiben, wenn eine Krankheit länger andauert als das Toleranzpotential und die Fähigkeit zum Aushalten einer schlimmen Situation der Nahestehenden.

VORSICHT – AB HIER SPOILER:

Am Ende fahren die Knackers tatsächlich in ihr „Jenseits“, allerdings erst dann, als die Lage für Glynis schon aussichtslos ist. Sie hat alle  medizinischen Maßnahmen ausgeschöpft und ihr bleiben nur noch wenige Tage. Erst jetzt ist sie in der Lage, Sheps Entschluss mitzutragen. Lieber noch ein paar wenige Tage im Paradies verbringen, als auf einem Krankenbett oder schlimmer noch im Krankenhaus zu sterben. Der Roman ist eine eindringliche Warnung, das, was man wirklich tun möchte, solange zu machen, solange es noch geht. Die Zukunft ist eh nicht vorhersehbar, was bedeuten in diesem Rahmen also schon „Vernunftsentscheidungen“? Ein Fazit, das mir sehr nahe ist, wie ich zugeben muss. „Jeder ist seines Schicksals Schmied“, in einem bestimmten Rahmen stimmt das. Man muss Entscheidungen treffen und dann mit den Konsequenzen leben. Wenn ich mich beispielsweise dafür entscheide, ein großes Haus zu kaufen, darf ich mich nicht darüber beschweren, dass es auch eine Menge Arbeit macht, es zu erhalten und ich vielleicht nicht soviel Zeit habe, wie ich es mir vielleicht wünschen würde, um andere schöne Dinge zu machen. Wenn ich mich andererseits für ein Leben entscheide, was mir Freiraum für Dinge lässt, die mir wichtig sind, darf ich mich nicht darüber beklagen, dass ich vielleicht nicht das Top-Einkommen habe und mir jeden Luxus erlauben kann. Insofern ist der Spruch, der in vieler Munde ist: „Ja, DU hast es ja auch gut!“ völliger Quatsch. „So wie man sich bettet so liegt man“ oder wie ein lieber Freund sagt: „Mach was du willst, aber komm nicht und jammer!“

Was die persönlichen Wunschträume betrifft, hält man es am besten so wie schon Nike 1988 sagte: JUST DO IT!

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