Ein Viertel und die Hälfte von „Der Lauf der Sonne“

Nachdem dieser ziemlich dicke Wälzer schon ewig lange in meinem Bücherregal stand, wollte ich ihm endlich einmal zu Leibe rücken. Der Covertext klang viel versprechend – ein Auszug daraus:

Punkt Mitternacht, mit dem ersten Tag des neuen Jahres, begeben sich eine Hand voll Menschen – zunächst scheinbar voneinander unabhängig – auf einen Weg, der ein ganzes Jahr andauern und das Schicksal jedes einzelnen verändern und erfüllen wird. Wie durch ein unsichtbares Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerungen und Neubeginn, Melancholie und Hoffnung sind diese Menschen verbunden.

Und damit noch nicht genug der Lesemotivation: Von The Times wird Tim Pears auf dem Cover als „der geborene Erzähler“ gerühmt. Stimmt eigentlich auch, meine ich mich erinnern zu können, das ist nämlich nicht das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe. Von Land der Fülle war ich damals verhältnismäßig begeistert. Jetzt allerdings werde ich gerade ein wenig skeptisch: Land der FülleDer Lauf der Sonne – klingt ein bisschen nach Baukastensystem.

Aber zurück zum Lauf der Sonne. Nachdem die Einführung der einzelnen Figuren etwas abrupt von einem zum anderen springt und dabei schildert, wie sie die Silvesternacht verbringen, entsteht bei mir der Eindruck, Tim Pears versuche, allen Lobpreisungen möglichst schon im Vorfeld gerecht zu werden. Die Sprache erinnert an einen stream of consciousness aber irgendwie wirkt alles zu gewollt. Deswegen habe ich für dieses Buch die 1/4-Regel eingeführt. Nach einem Viertel seines Gesamtumfanges entscheide ich mich, ob ich weiterlese oder ob ich das Buch beiseite lege.

Mittlerweile habe ich das erste Viertel gelesen und hänge halb am Haken der Handlung. Bei zwei der Figuren möchte ich unbedingt wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Einer davon ist Sam Caine, ein Mann in mittleren Jahren, der an einer äußerst seltenen Krankheit leidet. Jedesmal wenn er nach dem Schlaf erwacht, weiß er nichts mehr über sich – er erleidet eine totale Amnesie und erwacht als „blank slate“. Eine Ärztin, die ihn nach einem Krankenhausaufenthalt untersucht, diagnostiziert, dass es sich wahrscheinlich um eine Veränderung der Funktionsfähigkeit von Teilen seines Gehirns handelt. Hier bin ich beim Lesen aufmerksam geworden, denn alles was mit dem Gehirn und dessen Funktionsweise zusammenhängt finde ich hochinteressant. In Kognitiver Psychologie habe ich in vielen Seminaren über die Erinnerungsfähigkeit, über Emotionen und das Gedächtnis gelesen. Allerdings begegnet einem das Thema eher seltener fiktional aufbereitet.

Die andere Person, von der ich gern noch mehr erfahren würde, ist Martha, eine junge Frau, die in einer ländlichen Familie mit Viehzucht aufgewachsen ist, sich jetzt aber als Diebin durchs Leben schlägt. Bei ihr hat mich zunächst fasziniert, wie sie in ihrer Familie aufwuchs. Marthas Vater begeistert sich für klassischen Ringkampf und hat dieses Steckenpferd sowohl an seine Zwillingssöhne Charles und Paul als auch an die jüngere Martha weitergegeben, die fortan mit ihren Brüdern trainiert. Irgendwann muss sie jedoch schmerzlich feststellen, dass England noch nicht reif für Frauenringkämpfe ist.

Nachdem ich nun bereits bei der Hälfte des Buches angelangt bin, habe ich mich schweren Herzens entschieden nicht weiterzulesen. Es wird irgendwie nicht besser. Die Personen sind alle für sich genommen interessant, aber auf eine seltsame Weise funktioniert das Buch, zumindest für mich, nicht als Ganzes. Der Funke springt einfach nicht über. Irgendwann im Laufe des Lesens stellt sich gewöhnlich ein Gefühl ein, das gar nicht die Frage zulässt, ob man ein Buch beenden will oder nicht, weil man zum einen wissen möchte was weiter geschieht und zum anderen unmerklich gefangen genommen wird von dem Leseerlebnis. Das ist mir mit Der Lauf der Sonne nicht passiert. Ich habe sogar zum allerersten mal etwas gemacht, was ich zuvor noch nie getan habe. Nie, niemals, nicht. Wahrscheinlich werde ich es auch nie mehr tun. Ich habe, nachdem ich entschlossen war, das Buch beiseite zu legen, die letzten Seiten gelesen. Und was soll ich sagen? Das Ende hat mich nicht bedauern lassen, die Entscheidung getroffen zu haben. Für mich war es wohl einfach nicht das Richtige.

Apropos blank slate: Das hat jetzt nichts mit diesem Roman zu tun, aber ein tolles Buch, das sich mit dem Konzept einer tabula rasa befasst, bzw. mit der Ablehnung der Vorstellung, dass Menschen als eine solche geboren werden, ist Steven Pinkers The Blank Slate. The Modern Denial of Human Nature. Sehr empfehlenswert!

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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