[V] Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…

Titel der portugiesischen Übersetzung

Was hat Nachtzug nach Lissabon mit Weihnachten zu tun? Richtig, erst einmal nichts. Allerdings könnte man sagen, (Achtung, Pathos-Alarm!) dass Pascal Mercier seinen Lesern mit diesem ganz besonderen Roman ein wunderschönes Geschenk gemacht hat.😀

Natürlich gibt es hierzu durchaus auch eine Reihe gegenläufiger Meinungen. Als das Buch seinerzeit monatelang die Bestsellerlisten beherrschte, waren nicht wenige Kritiker so gar nicht angetan von der Romankomposition und/oder der Anlage der Charaktere. Jeder Leser sieht in einem Text nun einmal etwas Eigenes, deswegen im Folgenden meine ganz subjektive Empfindung:

Das Buch habe ich jetzt zum zweiten Mal gelesen und immer noch hat es für mich nichts von seinem ihm innewohnenden Zauber und seiner sprachlichen Kraft eingebüßt. Es ist fast so, als befände ich mich plötzlich in einer Parallelwelt, während ich lese. Alles andere rückt in den Hintergrund, das eigene Tempo wird merklich langsamer und das Gelesene wirkt auf mich fast ein wenig surreal, wie in Zeitlupe durch ein Kaleidoskop. Und das wiederum passt, wie ich finde, wunderbar zur Adventszeit: Sich besinnen, zur Ruhe kommen, Gedanken nachspüren, denen man sonst keinen Raum oder keine Zeit einräumt.

Das Buch erzählt die Geschichte eines Ausstieges, den man aber ebenso als Einstieg in etwas Neues, einen Aufbruch in ein anderes Leben lesen kann. Der Protagonist, Raimund Gregorius, ein Altphilologe, lebt und unterrichtet in Bern und wohnt in den alten griechischen, lateinischen und hebräischen Texten. Sie sind ihm so sehr zu eigen, dass er fast in Panik gerät, als ihm einmal ein griechisches Wort entfällt, das in allen Texten nur ein einziges Mal vorkommt. Eine denkwürdige Begegnung mit einer Portugiesin veranlasst ihn dazu, eines Morgens mitten im Unterricht aufzustehen und die Schule zu verlassen um nicht mehr zurückzukehren. Stattdessen begibt er sich auf eine Reise nach Portugal um dort Informationen über den Autor eines Buches zu sammeln, das ihm in einem Antiquariat in die Hände fällt und dessen Worte Gregorius nicht mehr loslassen.

Diese Worte, die Pascal Mercier dem verstorbenen portugiesischen Arzt und Verfasser von Texten, Amadeu Inacio de Almeida Prado, in den Mund gelegt hat, sind in der Tat etwas ganz Besonderes. Sie zeugen von einem unglaublich wachen und schnellen Geist, der es sich zur Regel gemacht hat, die Dinge bis zu ihrem wirklichen Ende zu denken. Darin wird er dem Philosophen Pascal Mercier alias Peter Bieri wohl nicht unähnlich sein.

Im Laufe des Buches begleitet man Raimund Gregorius, wenn dieser Personen begegnet, die Amadeu Prado gekannt haben und auf deren Leben dieser Einfluss genommen hat. Auch erfährt man etwas über die Widerstandsbewegung gegen das faschistische Regime und die konservativ-autoritäre Diktatur von António de Oliveira Salazar in Portugal, über das Schachspielen sowie immer wieder über die Sprache und wie diese versucht, die elementaren Dinge des Lebens in Worte zu fassen und oft genug daran scheitert.

Die Sprache des Romans ist poetisch, stark und die Worte sind klar und schön wie ein Neujahrsspaziergang in Schnee und Eis. Nachtzug nach Lissabon ist etwas ganz Besonderes. Es regt zum Denken an, ja mehr noch, zum Hinterfragen des eigenen Lebens: Mache ich wirklich das, was ich machen möchte, bin ich da, wo ich sein möchte, lebe ich mit den Menschen zusammen, mit denen ich verbunden sein möchte. Beim Lesen wird einem die oft schnelle und laute Welt auf wunderschöne Weise ein kleines bisschen entrückt, genau das liebe ich so an diesem Roman.

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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