Der Fundamentalist, der keiner sein wollte – Mohsin Hamid

Beim meinem letzten Besuch in der Bibliothek lieh ich einige Bücher aus, die sich auf unterschiedliche Arten mit dem Thema Integration auseinandersetzen. Der Fundamentalist, der keiner sein wollte, ist als Gespräch zwischen der Hauptperson Changez und einem den gesamten Roman hindurch unbekannt bleibenden amerikanischen Reisenden angelegt. Changez, der in Lahore im Nordosten Pakistans lebt, erzählt von einem bedeutsamen Zeitabschnitt seines Lebens. Im Laufe des Gespräches beschleicht einen ein wachsendes Unbehaglichkeitgefühl, denn der amerikanische Gast scheint sich in der Situation immer unsicherer zu fühlen. Dazu habe er überhaupt keinen Grund, versichert Changez ihm, denn in seinem Land würde nicht etwa jeder Fremde überfallen oder anderweitig belästigt.

Das eigentliche Thema der einseitigen Unterhaltung ist die Zeit, die Changez in Amerika verbracht hat. Dort hat er nämlich nach seinem Schulabschluss studiert und zwar an dem berühmten Ivy League College Princeton. Als einer der Besten seiner Klasse ergattert der junge Betriebswirtschaftler einen Top-Job bei einer angesehenen Unternehmensberatung in New York. Dies nicht zuletzt weil der Mann, der ihn einstellt, in Changez eine verwandte Seele zu erkennen glaubt.

Anfangs führt Changez dann ein Leben, das dem des durchschnittlichen amerikanischen Wohlstandsbürgers sehr ähnelt. Er verdient gutes Geld, ist angesehen bei seinen Kollegen sowie bei Vorgesetzten und bewegt sich, nicht zuletzt durch die Freundschaft zu seiner ehemaligen Kommilitonin und hoffnungslosen Liebe Erica auch gesellschaftlich auf gehobenem Parkett.

Erst durch die Ereignisse am 11. September des Jahres 2001 beginnt sich etwas in Changez‘ Wahrnehmung gegenüber Amerika und seinem Leben im Land zu ändern. Ursache dafür ist nicht nur die plötzlich veränderte Haltung seiner Mitmenschen ihm gegenüber, welche schlicht und ergreifend auf der Wirkung seines fremdartigen Äußeren auf andere Menschen beruht, sondern vielmehr die schrittweise Veränderung seiner eigenen Erlebniswelt. Ein sich verstärkendes Solidaritätsgefühl und eine Zugehörigkeit zu den Menschen seines Heimatlandes beginnt in ihm zu wachsen, die seine Sicht auf den Staat Amerika, der beginnt rücksichtslos Kriege gegen all seine vermeintlichen Feinde zu führen, schleichend aber radikal verändern.

Mit „radikal“ sind wir dann auch schon beim Stichwort. Gegen Ende seines Berichts erzählt Changez dem Amerikaner, dass er sich schließlich so sehr von der Sichtweise des kapitalistischen, kriegsbereiten Amerikas entfremdet habe, dass er beschloss in seine Heimatstadt Lahore zurückzukehren, in der wir ihn jetzt ja auch antreffen.
Dort angekommen, nimmt er einen Job an der Universität von Lahore an und lernt durch seine Dozententätigkeit Studenten kennen, die verschiedene Abstufungen des Protests gegen Amerika und deren Verbündete leben. So richtig klar wird nicht, ob Changez, so wie er es eigentlich gegenüber dem Amerikaner beteuert, tatsächlich jegliche Form von Gewalt ablehnt, oder ob er mittlerweile auch diese Grenze überschritten hat. Die immer unheimlicher werdende Situation in dem Restaurant und schließlich der Heimweg zu dem Hotel des Touristen lassen dies aber fast vermuten.

Das Ende der Begegnung bleibt zwar offen, aber mich beschlich beim Lesen trotzdem das Gefühl, dass es durchaus im Bereich des Möglichen liegt, dass der amerikanische Gast nicht mehr heil an seinem Hotel ankommt.

Das, was für mich die Lektüre wirklich gruselig gemacht hat, ist das schiere Unvermögen sich ob dieser Interpretation des Themas vorzustellen, es könne sich irgendetwas grundlegend ändern. Vor allem, wenn sogar ein Mensch, der einen Großteil seiner Wurzeln in der westlichen Welt hat und dort einen Teil seines Lebens wirklich gerne verbracht hat, plötzlich so anderen Grundsätzen folgen kann. Das gleiche gilt ebenso für die westliche Bevölkerung der Welt, die aufgrund eines einzigen, wenn auch furchtbaren Ereignisses plötzlich eine Haltung der Sippenhaft gegenüber Menschen an den Tag legt, die sie schon ewig und 3 Tage kennen.

Der  Roman von Mohsin Hamid hat mich beunruhigt und noch längere Zeit anschließend  verfolgt – Der Fundamentalist, der keiner sein wollte kann ich mehr als empfehlen.

Ich freue mich sehr über eure Gedanken und euer Feedback! :)

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